Donnerstag, 20. Januar 2011

Hölle unter Palmen


"Guckst Du?" - ich weiß sofort, auf was sich die Frage der Kollegin bezieht. Es geht ums Fernsehen, es geht um das mediale Tratsch-Thema Nummer 1, es geht um den Dschungel. Alle reden jetzt über den Dschungel, der Name muss nicht einmal erwähnt werden, es reicht: "Guckst Du?"

Gratulation an die perfekte PR-Maschine "beim ÄR-TEE-ÄLL" (bitte mit kölschem Akzent lesen), die wie (fast) jedes Jahr dafür sorgt, dass die Zeitungen voll sind mit brandheißen sogenannten Infos über die Kandidaten (Zitat: "Die „Dschungelcamp“-Schatzsuche wurde wegen des Regens abgebrochen. Zuvor hatte Sarah ihrer Kollegin Katy als Riesen-Kakerlake Stromschläge verpasst!") und das eigene Programm inklusive der sogenannten Nachrichten nur noch aus Exclusivmeldungen über Verdauungsprobleme der Insassen besteht. 

4,2 Millionen Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren haben gestern zugeschaut, mal wieder fast 40 Prozent Marktanteil. Jeden Tag neue Quotenrekorde. Unterschichtenfernsehen? Aber ja, auch Menschen mit einem Jahreseinkommen über 100.000 € werden ab 22.15 Uhr zum TV-Proleten!

Die Kritiker sind weitgehend verstummt, the Untergang des Abendlandes will not be televised. Die Medienseiten raunen, das Dschungelcamp sei gesellschaftsfähig geworden, und die Sendung sei handwerklich gut gemacht. Mag sein. Auch eine Daniela Katzenberger gilt ja heute als gesellschaftsfähig. Und die Super-Illu ist handwerklich auch gut gemacht.

RTL kann allerdings den Erfolg nicht kapitalisieren: Im einzigen (!) Werbeblock des Stundenformats verlieren sich zwei bis drei Spots - da sage mal einer, Privat-TV würde nur niedrige Instinkte wecken. Das Dschungel-Camp schafft es, selbst bei Werbern moralische Bedenken zu schüren.

Auf der anderen Seite platziert RTL das Format ja gerade DESWEGEN im Januar, einem Monat, der nie für hohe TV-Werbeeinnahmen bekannt war. Die Branche ist nach dem Weihnachts-Overkill dann stets etwas von Buchungsmüdigkeit geplagt. Und die Kaufkraft der Konsumenten ist auch ausgelaugt. In einem solchen Monat kann man also ohne echte Einnahmeverluste die PR-Maschine in den Overdrive schicken und den Boulevard noch schleimiger bedienen als sonst. Dafür braucht es nicht einmal unternehmerischen und programmplanerischen Mut.

"Guckst Du?" - "Ab heute nicht mehr."



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