Samstag, 14. Juni 2014

Das Mitternachts-Spiel


Das Trauma, das Trauma...

Das Großmäulige von einst ist längst einer gewissen Zurückhaltung gewichen. Selbst das Zentralorgan des Jingoismus, die große Dreckmaschine The Sun, ist heutzutage in Sachen Football moderat gestimmt. Früher grölten die Schlagzeilen von Weltherrschaft und Vernichtung des Gegners, heute heuchelt man freundlichen Optimismus:

What could possibly go wrong? The sun is shining. Friday the 13th is over. BBQ's lit. Pubs open until 1am. Tomorrow's Sunday (lie in). England play rugby and cricket. And Stevie G's lads are raring to go in World Cup... 

Und doch, in dieser bescheidenen, unsicheren Frage, was denn eigentlich noch schiefgehen soll, schwingt all das mit, was die Mutternation des Fußballs um den heutigen Kapitän Steven Gerrad über die Jahre langsam in die Knie gezwungen hat. Mit der Hand Gottes, dem "Tor" von Maradona, fing es an, dann kamen das Elfmeterschiessen von Turin, die Niederlage zuhause 1996, die 1:4-Klatsche durch die so gehassten German Panzers... (Und dazwischen nur ein einziger Glücksmoment, als die Three Lions-Mannschaft dem armen Oliver Kahn im Münchener Olympiastadion fünf Tore einschenkte.)

England ist demütig geworden. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen für ein Comeback.

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Rocket Science

Der Auspuff klapperte.

Erst quietschte er nur, und der konsultierte Fachmann versprach Besserung. Er dengelte und machte und meldete Vollzug. Kein Quietschen mehr.

Ich war erleichtert, aber nur 500 Meter lang. Dann fing es an zu klappern. Bei einer bestimmten Drehzahl schlug das hintere Ende des Auspuffrohrs an die Karosserie und es erklang ein lautes Rarararararara (im Lautmalen war ich immer schon scheiße...).

Zurück zum Fachmann. Kurzes Kopfkratzen, dann wußte er Rat und schritt zur Tat. Andere Menschen machen Zumba (was ich monatelang für einen Getränkemarkt irgendwo in der Nähe von Chemnitz hielt...), biegen sich fernöstlich im Park oder strampeln auf fest installierten Rädern vor Bildschirmen mit dem Mont Ventoux - der Fachmann machte das hier:

Foto: Marc-Steffen Unger

Das Klappern ist jetzt weg. Natürlich.

Sonntag, 5. Mai 2013

Sonntagsmusik.

Im Lipperfeld 7 in Oberhausen ist der Sitz der Firma Schultz Logistik. Ich weiß das, denn gestern fuhr ein LKW dieses Unternehmens auf der Autobahn direkt vor mir und ich starrte die ganze Zeit auf die Adresse, die am Heck angebracht war. 

Im Lipperfeld 7a in Oberhausen ist der Sitz der Städtischen Musikschule Oberhausen. Ich weiß das, denn ich war heute dort.

Die Verbindung zwischen beiden ist das unansehnliche Industriegebiet, in dem diese Adressen und ihre unansehnlichen Gebäude beheimatet sind. Dennoch war ich an diesem strahlenden Frühlingstag gerne in dieser postindustriellen Brachlandschaft direkt neben dem CentrO, jener unsäglichen Konsumhölle, in der holländische Touristen und kurzbehoste Tennissockenträger mit Camp-David-Polohemden die sogenannte "Promenade" bevölkern, eine Ansammlung von Ballermannesken Gastronomiebetrieben mit Junggesellenabschied-Ästhetik. Um die Ecke, im Industriegebiet Lipper Feld, verbirgt sich zum Glück der humanistische Gegenentwurf zu diesem Fun-Terror - wenn auch architektonisch nicht besonders attraktiv verpackt.


Das Gebäude der Musikschule war wohl einst ein Büro mit angeschlossener Werkstatt - jedenfalls kündet das schmucklose Plattenbauambiente und das Garagentor von einer nutzungsorientierten Ausrichtung dieser Art von Baukastenarchitektur. Aber das zählte heute nicht, denn in diesen Räumen fand die Probe eines besonderen Orchesters statt, an der teilzunehmen ich aus engen verwandtschaftlichen Gründen das Glück hatte. Man kann nun lang und breit darüber klagen, die Kultur würde in diesem Land stiefmütterlich behandelt und der musikalische Nachwuchs müsse sich in improvisierten Räumlichkeiten dem Spardiktat der herrschenden Mächte beugen, die stattdessen lieber einen grellen Konsumenten-Freizeitpark mit Subventionen zuschmeißen - geschenkt. Denn hier fand sich auf einmal etwas, dass ich in so einer Gegend nicht erwartet hätte: Würde.

Das Kinder Orchester NRW übte an diesem Ort sein neues Programm ein. Das Ensemble besteht aus Musikern aus ganz NRW, die an fünf bis sechs Wochenenden von eine Bande aus begnadeten Einzelkünstlern zu einer konzertanten Einheit zusammenwachsen. Dazu bedarf es nicht nur Talent, sondern vor allem Disziplin. Achtjährige, die freiwillig einen ganzen Tag bei schönstem Sonnenschein Verdi-Partituren pauken, haben meinen höchsten Respekt. Und dann kommt sowas dabei raus: Gassenhauer voller Herzblut und echte Opern-Smash-Hits. Ich schreibe das so salopp daher, um ein wenig zu verschleiern, dass ich von klassischer Musik nicht viel Ahnung habe. Eines aber weiß ich: Wenn 65 acht- bis vierzehnjährige plus zwei Sänger/innen in einer öden Garage in einem öden Industriegebiet neben einer öden Shopping Mall mit vollem Herzen und einer Menge Spaß dabei sind, dann können sie die Welt erobern.

Das dachte ich mir jedenfalls, als ich draußen vor dem Gebäude Im Lipperfeld 7a in der Sonne döste und "Brindisi" aus La Traviata erklang.


P.S.: Wer sich live von der kraftvollen Spielfreude des Kinder Orchesters NRW überzeugen möchte, hat bei diesen Terminen dazu Gelegenheit:

26.5. Max Ernst Museum, Brühl
16.6. Stadthalle Kleve
23.6. Grugapark, Essen

Samstag, 4. Mai 2013

Samstagsmusik.

Hier mal wieder ein musikalischer Hinweis für offene Ohren: The Virgins hatten vor einiger Zeit einen Hit mit "Rich Girls" (den ich "Geht-so" fand), spielten seitdem unter anderem auf Veranstaltungen für Tommy Hilfiger (nun ja...) und haben mich jüngst mit diesem Stück hier verwirrt, das sich wunderbar langsam in die Gehörgänge schleicht: "Figure On The Ice." Ich hörte den Song zuerst des Nächtens im Radio und dachte: "Oh, haben die Dire Straits zusammen mit Lou Reed ein Stück aufgenommen?" Natürlich nicht, auch wenn die Stimme von Sänger Donald Cumming ein bißchen wie Mark Knopfler klingt und das lakonische Tambourin an Velvet Underground gemahnt...


(P.S.: Ich gestehe - ich habe ein Schwäche für die frühen (!!!) Dire Straits. Hätte ich noch vor zehn Jahren selbst unter der Folter niemals zugegeben, aber die Milde des Alters... Velvet Underground ist natürlich im Bildungskanon des 80er-Jahre-zitieren-die-60er-Jahre-Hipsters sowieso gesetzt.)

Mittwoch, 24. April 2013

The Return Of The Pöler.




In meinem Jahresrückblick 2012 schrieb ich unter der Rubrik "Schlecht":

Fußball-EM: Tiki-Taka-Fußball bis zum Erbrechen. The End Of Football As We Knew It.
Seit heute gibt es wieder Hoffnung. Ich bin weder Fan des FC Bayern noch von Borussia Dortmund, aber dennoch habe ich die Spiele der beiden deutschen Vereine in der Champions League natürlich verfolgt. Mit Leidenschaft.

Gestern haben die Bayern souverän den besten Verein Europas mit 4:0 besiegt, heute legen die Europa-Emporkömmlinge aus Dortmund Real Ronaldo mit 4:1 aufs Kreuz. Beides hat mich sehr gefreut, weniger wegen der Ergebnisse, als vielmehr wegen der Art, wie diese Ergebnisse zustande kamen. Es war in beiden Fällen die Rückkehr des Fußballs alter Schule (wenn auch auf einer höheren Stufe), in dem man sich zu jeder Sekunde mit dem Ball in Richtung des gegnerischen Tores orientierte anstatt den Gegner in einer endlosen, ermüdenden Rochade von Kurzpässen auslaugen zu wollen.
Gerade bei den Bayern war zu sehen, wie sie mit einem athletischen, kampfbetonten Spiel in Mannschaftsformation die Einzelkönner aus Barcelona mit all ihren technischen Fähigkeiten ins Leere laufen ließen. Und Borussia Dortmund setzte noch einen drauf mit der Kraft aus 68.000 Kehlen und dem Willen, dem Primadonnen-Schönwetterkollektiv des José Mourinho mit, hüstel, der alten deutschen Tugend des "Über den Kampf ins Spiel finden" eins auszuwischen. Mission accomplished.

Ich sage das alles ohne Häme, denn ich freue mich für den Fußball als solchen, nicht für die einzelnen Vereine. Wie schon oben erwähnt war ich immer der Meinung, der nüchtern-perfekte Technokratenfußball der spanischen Art sei im Grunde widernatürlich und sogar spielzerstörend - elegant anzusehen, aber so seelenvoll wie ein VW Golf: Perfekt konstruiert, doch ohne wahren Charakter.

Jetzt scheint seine Zeit abgelaufen.

P.S.: Das leicht verschwommene, nicht mehr ganz aktuelle Bild oben zeigt übrigens, wie ich über den Kampf in das Spiel zu kommen versuche. Der Mann, der mich fault, heißt Stefan Raab und ließ sich kurz darauf auswechseln.



Donnerstag, 11. April 2013

Das große Trotzdem.




Am Neujahrsmorgen 1953 starb Hank Williams, Übervater der Countrymusik, auf dem Rücksitz eines Cadillac. Seine letzte Mahlzeit: Schmerztabletten und Wodka aus dem Flachmann.Nun haben wir gerade weder Neujahr noch gibt es eine neue Best Of-Compilation von Luke the Drifter, wie er sich auch nannte. Warum also dieser Text? Weil ich gerade dabei bin, das Gesamtwerk neu zu entdecken - und weil man keinen Grund braucht, über gute Musik zu schreiben.



Das Wetter meint es nicht gut. In der Neujahrsnacht 1953 schlingert ein Cadillac mit zwei Insassen durch den Regen im amerikanischen Süden in Richtung Ohio. Im kleinen Ort Rutledge, Tennessee, hält der Fahrer an einer Tankstelle, die auch jetzt, mitten in der Nacht, noch geöffnet ist. Er hat einen wertvollen Passagier und will den Tankwart nach dem Weg fragen. Soll er den Highway 21 oder doch den Highway 61 Richtung Norden nehmen? Den Fahrgast auf dem Rücksitz kann er nicht fragen, der scheint seit Stunden zu schlafen. Still ist es dort auf dem Rücksitz, sehr still. Charles Carr, der siebzehnjährige Fahrer, wirft einen Blick nach hinten und ein Verdacht keimt in ihm. Carr fühlt die Hand des dünnen Mannes: kalt. Angsterfüllt holt er den Tankwart. Der sieht sofort, dass dieser Mann auf dem Rücksitz sein Ziel nicht erreichen wird. Hank Williams, Country-Musiker und Enfant Terrible des Nashville-Establishments, ist tot. Neben ihm liegen sein breitkrempiger Hut, Schmerztabletten und eine Flasche Wodka. In seiner Jackentasche steckt eine Pistole


Der Aufstieg und das Danach

Williams hatte es aus der Gosse in den Hillbilly-Olymp geschafft. Die ur-amerikanische Geschichte, da ist sie wieder. Geboren als Hiram Williams am 17. September 1923 in bitterer Armut, vollzog sich der Aufstieg des Country Boy rasant. Nur sechs kurze Jahre lang nahm er Platten auf. Sein größter Hit „Lovesick Blues“ katapultierte ihn in die heilige Halle von Nashville, die Grand Ole Opry. Dort spielte er die hingerotzte, geheulte Klage über eine davongelaufene Liebschaft vor 3574 Zuschauern und unzähligen Hörern am Radio sieben Mal hintereinander – die Leute wollten ihn einfach nicht von der Bühne lassen. Das hatte es noch nicht gegeben in der ehrwürdigen Opry.

16 Wochen war der Song an der Spitze der Country-Charts. Radioshows, Plattenverträge, Filmpläne, gescheiterte Ehen, Affären, natürlich Cadillacs und das Haus für die über alles geliebte Mutter folgten. Und der Alkohol. Viel Alkohol. Die Grand Ole Opry, die ihn so innig an ihr reaktionäres Herz gedrückt hatte, warf ihn raus. Mit einem Saufbruder wollte der musikalische Tugendtempel nichts zu tun haben. Williams lieferte mit diesen Eskapaden die Blaupause für das Verhalten aller ihm folgenden Pop-Emporkömmlinge.

Heaven and Hell 

Da, wo Hank Williams herkam, war das Leben klar aufgeteilt in Honkytonk einerseits und Zähneklappern vor der ewigen Verdammnis andererseits. Samstagabend wird auf der Kneipentour die Stadt umgekrempelt, am Sonntagmorgen in der Kirche um Vergebung gewinselt. Williams nahm diese Dichotomie ernst, legte sich für die von Blues und Religion beeinflussten Stücke gar eine zweite Bühnenexistenz zu. Als „Luke the Drifter“ spielte er überwiegend Songs voller Schmerz und Inbrunst. „I‘m so lonesome I could cry“ stammt aus dieser Ecke, „Jambalaya“, der fröhliche Lobgesang auf die Cajun-Küche, aus einer anderen. Für Williams paßte das Nichtpassende gut zusammen und in seinen religiös inspirierten Aufnahmen spürt man Demut und Achtung vor einem angstgeliebten Schöpfer, der seine braven Schäfchen mit ideellen Gütern ebenso entschädigt wie er uneinsichtige Sünder am Tag des Jüngsten Gerichts hartleibig abstraft.


Auf der anderen Seite: Hymnen des Nachtlebens, der schmierigen Honky Tonks mit ihren betrunkenen Schlägereien und den willigen Frauen. Diese Welt kannte Hank Williams, seit er mit 16 von der Schule abging, um Musik zu machen. Mit seiner Band, den Drifting Cowboys, spielte der dünne, blasse Junge Ende der 30er Jahre in den Spelunken Alabamas. Hier hatte die Bibel wenig zu sagen, hier galten andere, handfeste Gesetze. Williams heuerte einen Bass-spielenden Ex-Wrestler für die Drifting Cowboys an – nur zur Sicherheit, das musikalische Können dieses Hünen war zweitrangig.

In den Widersprüchen seiner Texte war er sehr amerikanisch, so wie zahlreiche Brüder im Geiste, die folgen sollten: Jerry Lee Lewis heiratete eine Minderjährige um dann den Herrn zu preisen, Bob Dylan suchte nach Beatnik-Erfahrungen Trost im Spirituellen und unendlich viele Countryalben priesen das Rumrockern ebenso wie das keusche Leben. Hank Williams war die erste dieser Doppelexistenzen. Nebenbei rettet er heute noch die tiefe Spiritualität des amerikanischen Südens vor den Ostküsten-Evangelisten der Bush-Ära, die immer noch alles daran setzen, das Denken einer theologischen Randgruppe in Weltpolitik zu verwandeln. Aber die Welt ist nicht Montgomery, Alabama.


Der Mann meint es ernst

In seinen besten Momenten vermittelt Williams ein Gefühl dafür, was Authentizität ist und was sie bewirken kann. David Bowie forderte einmal von einem guten Song, er müsse einen auf die Knie sinken und in Tränen ausbrechen lassen. Williams erfüllt diese Anforderung ohne falsches Kalkül. Herzzerreissende religiöse Heuler rüberbringen, als hinge die Seele davon ab und dennoch den Moment intensiv feiern und nicht an morgen denken: Schizophrenie ist für ihn kein böses Wort. Sein Credo: Der Widerspruch zwischen Party-Tier und Stechuhr-Sklaven ist in jedem von uns angelegt, also gräme Dich nicht und mach das Beste daraus. Ende der 40er Jahre scheint hier zum ersten Mal das Glücksversprechen des Rock’n’Roll auf, das große ‚Trotzdem‘ mit der Betonung auf Trotz. Wenn Williams auch im engen Gatter des Country rumtigerte, so war er doch viel mehr als nur ein tumber Cowboy – er erfand den Rock’n’Roll-Lifestyle, bevor es dafür ein Wort gab.

  
Wreck on the Highway

Die Kompromisslosigkeit seines Tuns war Williams´ Stärke und sein Fluch, befeuert durch Frauen, Pillen und Alkohol. Die beiden letztgenannten waren Treibstoff und Bremsfallschirm zugleich, denn ein schmerzhaftes Rückenleiden versaute ihm so manchen Auftritt. Medikamente und Alkohol halfen ihm gegen die Schmerzen. ‚Fitspritzen‘ würde man ihn heute, damals gab es nur die rauhe Methode. Die sollte ihn das Leben kosten, der tödliche Cocktail aus Schmerzmitteln und Wodka war seine letzte Mahlzeit in dieser ungemütlichen Nacht zwischen 1952 und 1953 irgendwo im amerikanischen Süden. Zu seiner Beerdigung in Montgomery, Alabama kamen über 20.000 Menschen.