Sonntag, 5. Mai 2013

Sonntagsmusik.

Im Lipperfeld 7 in Oberhausen ist der Sitz der Firma Schultz Logistik. Ich weiß das, denn gestern fuhr ein LKW dieses Unternehmens auf der Autobahn direkt vor mir und ich starrte die ganze Zeit auf die Adresse, die am Heck angebracht war. 

Im Lipperfeld 7a in Oberhausen ist der Sitz der Städtischen Musikschule Oberhausen. Ich weiß das, denn ich war heute dort.

Die Verbindung zwischen beiden ist das unansehnliche Industriegebiet, in dem diese Adressen und ihre unansehnlichen Gebäude beheimatet sind. Dennoch war ich an diesem strahlenden Frühlingstag gerne in dieser postindustriellen Brachlandschaft direkt neben dem CentrO, jener unsäglichen Konsumhölle, in der holländische Touristen und kurzbehoste Tennissockenträger mit Camp-David-Polohemden die sogenannte "Promenade" bevölkern, eine Ansammlung von Ballermannesken Gastronomiebetrieben mit Junggesellenabschied-Ästhetik. Um die Ecke, im Industriegebiet Lipper Feld, verbirgt sich zum Glück der humanistische Gegenentwurf zu diesem Fun-Terror - wenn auch architektonisch nicht besonders attraktiv verpackt.


Das Gebäude der Musikschule war wohl einst ein Büro mit angeschlossener Werkstatt - jedenfalls kündet das schmucklose Plattenbauambiente und das Garagentor von einer nutzungsorientierten Ausrichtung dieser Art von Baukastenarchitektur. Aber das zählte heute nicht, denn in diesen Räumen fand die Probe eines besonderen Orchesters statt, an der teilzunehmen ich aus engen verwandtschaftlichen Gründen das Glück hatte. Man kann nun lang und breit darüber klagen, die Kultur würde in diesem Land stiefmütterlich behandelt und der musikalische Nachwuchs müsse sich in improvisierten Räumlichkeiten dem Spardiktat der herrschenden Mächte beugen, die stattdessen lieber einen grellen Konsumenten-Freizeitpark mit Subventionen zuschmeißen - geschenkt. Denn hier fand sich auf einmal etwas, dass ich in so einer Gegend nicht erwartet hätte: Würde.

Das Kinder Orchester NRW übte an diesem Ort sein neues Programm ein. Das Ensemble besteht aus Musikern aus ganz NRW, die an fünf bis sechs Wochenenden von eine Bande aus begnadeten Einzelkünstlern zu einer konzertanten Einheit zusammenwachsen. Dazu bedarf es nicht nur Talent, sondern vor allem Disziplin. Achtjährige, die freiwillig einen ganzen Tag bei schönstem Sonnenschein Verdi-Partituren pauken, haben meinen höchsten Respekt. Und dann kommt sowas dabei raus: Gassenhauer voller Herzblut und echte Opern-Smash-Hits. Ich schreibe das so salopp daher, um ein wenig zu verschleiern, dass ich von klassischer Musik nicht viel Ahnung habe. Eines aber weiß ich: Wenn 65 acht- bis vierzehnjährige plus zwei Sänger/innen in einer öden Garage in einem öden Industriegebiet neben einer öden Shopping Mall mit vollem Herzen und einer Menge Spaß dabei sind, dann können sie die Welt erobern.

Das dachte ich mir jedenfalls, als ich draußen vor dem Gebäude Im Lipperfeld 7a in der Sonne döste und "Brindisi" aus La Traviata erklang.


P.S.: Wer sich live von der kraftvollen Spielfreude des Kinder Orchesters NRW überzeugen möchte, hat bei diesen Terminen dazu Gelegenheit:

26.5. Max Ernst Museum, Brühl
16.6. Stadthalle Kleve
23.6. Grugapark, Essen

Samstag, 4. Mai 2013

Samstagsmusik.

Hier mal wieder ein musikalischer Hinweis für offene Ohren: The Virgins hatten vor einiger Zeit einen Hit mit "Rich Girls" (den ich "Geht-so" fand), spielten seitdem unter anderem auf Veranstaltungen für Tommy Hilfiger (nun ja...) und haben mich jüngst mit diesem Stück hier verwirrt, das sich wunderbar langsam in die Gehörgänge schleicht: "Figure On The Ice." Ich hörte den Song zuerst des Nächtens im Radio und dachte: "Oh, haben die Dire Straits zusammen mit Lou Reed ein Stück aufgenommen?" Natürlich nicht, auch wenn die Stimme von Sänger Donald Cumming ein bißchen wie Mark Knopfler klingt und das lakonische Tambourin an Velvet Underground gemahnt...


(P.S.: Ich gestehe - ich habe ein Schwäche für die frühen (!!!) Dire Straits. Hätte ich noch vor zehn Jahren selbst unter der Folter niemals zugegeben, aber die Milde des Alters... Velvet Underground ist natürlich im Bildungskanon des 80er-Jahre-zitieren-die-60er-Jahre-Hipsters sowieso gesetzt.)

Mittwoch, 24. April 2013

The Return Of The Pöler.




In meinem Jahresrückblick 2012 schrieb ich unter der Rubrik "Schlecht":

Fußball-EM: Tiki-Taka-Fußball bis zum Erbrechen. The End Of Football As We Knew It.
Seit heute gibt es wieder Hoffnung. Ich bin weder Fan des FC Bayern noch von Borussia Dortmund, aber dennoch habe ich die Spiele der beiden deutschen Vereine in der Champions League natürlich verfolgt. Mit Leidenschaft.

Gestern haben die Bayern souverän den besten Verein Europas mit 4:0 besiegt, heute legen die Europa-Emporkömmlinge aus Dortmund Real Ronaldo mit 4:1 aufs Kreuz. Beides hat mich sehr gefreut, weniger wegen der Ergebnisse, als vielmehr wegen der Art, wie diese Ergebnisse zustande kamen. Es war in beiden Fällen die Rückkehr des Fußballs alter Schule (wenn auch auf einer höheren Stufe), in dem man sich zu jeder Sekunde mit dem Ball in Richtung des gegnerischen Tores orientierte anstatt den Gegner in einer endlosen, ermüdenden Rochade von Kurzpässen auslaugen zu wollen.
Gerade bei den Bayern war zu sehen, wie sie mit einem athletischen, kampfbetonten Spiel in Mannschaftsformation die Einzelkönner aus Barcelona mit all ihren technischen Fähigkeiten ins Leere laufen ließen. Und Borussia Dortmund setzte noch einen drauf mit der Kraft aus 68.000 Kehlen und dem Willen, dem Primadonnen-Schönwetterkollektiv des José Mourinho mit, hüstel, der alten deutschen Tugend des "Über den Kampf ins Spiel finden" eins auszuwischen. Mission accomplished.

Ich sage das alles ohne Häme, denn ich freue mich für den Fußball als solchen, nicht für die einzelnen Vereine. Wie schon oben erwähnt war ich immer der Meinung, der nüchtern-perfekte Technokratenfußball der spanischen Art sei im Grunde widernatürlich und sogar spielzerstörend - elegant anzusehen, aber so seelenvoll wie ein VW Golf: Perfekt konstruiert, doch ohne wahren Charakter.

Jetzt scheint seine Zeit abgelaufen.

P.S.: Das leicht verschwommene, nicht mehr ganz aktuelle Bild oben zeigt übrigens, wie ich über den Kampf in das Spiel zu kommen versuche. Der Mann, der mich fault, heißt Stefan Raab und ließ sich kurz darauf auswechseln.



Donnerstag, 11. April 2013

Das große Trotzdem.




Am Neujahrsmorgen 1953 starb Hank Williams, Übervater der Countrymusik, auf dem Rücksitz eines Cadillac. Seine letzte Mahlzeit: Schmerztabletten und Wodka aus dem Flachmann.Nun haben wir gerade weder Neujahr noch gibt es eine neue Best Of-Compilation von Luke the Drifter, wie er sich auch nannte. Warum also dieser Text? Weil ich gerade dabei bin, das Gesamtwerk neu zu entdecken - und weil man keinen Grund braucht, über gute Musik zu schreiben.



Das Wetter meint es nicht gut. In der Neujahrsnacht 1953 schlingert ein Cadillac mit zwei Insassen durch den Regen im amerikanischen Süden in Richtung Ohio. Im kleinen Ort Rutledge, Tennessee, hält der Fahrer an einer Tankstelle, die auch jetzt, mitten in der Nacht, noch geöffnet ist. Er hat einen wertvollen Passagier und will den Tankwart nach dem Weg fragen. Soll er den Highway 21 oder doch den Highway 61 Richtung Norden nehmen? Den Fahrgast auf dem Rücksitz kann er nicht fragen, der scheint seit Stunden zu schlafen. Still ist es dort auf dem Rücksitz, sehr still. Charles Carr, der siebzehnjährige Fahrer, wirft einen Blick nach hinten und ein Verdacht keimt in ihm. Carr fühlt die Hand des dünnen Mannes: kalt. Angsterfüllt holt er den Tankwart. Der sieht sofort, dass dieser Mann auf dem Rücksitz sein Ziel nicht erreichen wird. Hank Williams, Country-Musiker und Enfant Terrible des Nashville-Establishments, ist tot. Neben ihm liegen sein breitkrempiger Hut, Schmerztabletten und eine Flasche Wodka. In seiner Jackentasche steckt eine Pistole


Der Aufstieg und das Danach

Williams hatte es aus der Gosse in den Hillbilly-Olymp geschafft. Die ur-amerikanische Geschichte, da ist sie wieder. Geboren als Hiram Williams am 17. September 1923 in bitterer Armut, vollzog sich der Aufstieg des Country Boy rasant. Nur sechs kurze Jahre lang nahm er Platten auf. Sein größter Hit „Lovesick Blues“ katapultierte ihn in die heilige Halle von Nashville, die Grand Ole Opry. Dort spielte er die hingerotzte, geheulte Klage über eine davongelaufene Liebschaft vor 3574 Zuschauern und unzähligen Hörern am Radio sieben Mal hintereinander – die Leute wollten ihn einfach nicht von der Bühne lassen. Das hatte es noch nicht gegeben in der ehrwürdigen Opry.

16 Wochen war der Song an der Spitze der Country-Charts. Radioshows, Plattenverträge, Filmpläne, gescheiterte Ehen, Affären, natürlich Cadillacs und das Haus für die über alles geliebte Mutter folgten. Und der Alkohol. Viel Alkohol. Die Grand Ole Opry, die ihn so innig an ihr reaktionäres Herz gedrückt hatte, warf ihn raus. Mit einem Saufbruder wollte der musikalische Tugendtempel nichts zu tun haben. Williams lieferte mit diesen Eskapaden die Blaupause für das Verhalten aller ihm folgenden Pop-Emporkömmlinge.

Heaven and Hell 

Da, wo Hank Williams herkam, war das Leben klar aufgeteilt in Honkytonk einerseits und Zähneklappern vor der ewigen Verdammnis andererseits. Samstagabend wird auf der Kneipentour die Stadt umgekrempelt, am Sonntagmorgen in der Kirche um Vergebung gewinselt. Williams nahm diese Dichotomie ernst, legte sich für die von Blues und Religion beeinflussten Stücke gar eine zweite Bühnenexistenz zu. Als „Luke the Drifter“ spielte er überwiegend Songs voller Schmerz und Inbrunst. „I‘m so lonesome I could cry“ stammt aus dieser Ecke, „Jambalaya“, der fröhliche Lobgesang auf die Cajun-Küche, aus einer anderen. Für Williams paßte das Nichtpassende gut zusammen und in seinen religiös inspirierten Aufnahmen spürt man Demut und Achtung vor einem angstgeliebten Schöpfer, der seine braven Schäfchen mit ideellen Gütern ebenso entschädigt wie er uneinsichtige Sünder am Tag des Jüngsten Gerichts hartleibig abstraft.


Auf der anderen Seite: Hymnen des Nachtlebens, der schmierigen Honky Tonks mit ihren betrunkenen Schlägereien und den willigen Frauen. Diese Welt kannte Hank Williams, seit er mit 16 von der Schule abging, um Musik zu machen. Mit seiner Band, den Drifting Cowboys, spielte der dünne, blasse Junge Ende der 30er Jahre in den Spelunken Alabamas. Hier hatte die Bibel wenig zu sagen, hier galten andere, handfeste Gesetze. Williams heuerte einen Bass-spielenden Ex-Wrestler für die Drifting Cowboys an – nur zur Sicherheit, das musikalische Können dieses Hünen war zweitrangig.

In den Widersprüchen seiner Texte war er sehr amerikanisch, so wie zahlreiche Brüder im Geiste, die folgen sollten: Jerry Lee Lewis heiratete eine Minderjährige um dann den Herrn zu preisen, Bob Dylan suchte nach Beatnik-Erfahrungen Trost im Spirituellen und unendlich viele Countryalben priesen das Rumrockern ebenso wie das keusche Leben. Hank Williams war die erste dieser Doppelexistenzen. Nebenbei rettet er heute noch die tiefe Spiritualität des amerikanischen Südens vor den Ostküsten-Evangelisten der Bush-Ära, die immer noch alles daran setzen, das Denken einer theologischen Randgruppe in Weltpolitik zu verwandeln. Aber die Welt ist nicht Montgomery, Alabama.


Der Mann meint es ernst

In seinen besten Momenten vermittelt Williams ein Gefühl dafür, was Authentizität ist und was sie bewirken kann. David Bowie forderte einmal von einem guten Song, er müsse einen auf die Knie sinken und in Tränen ausbrechen lassen. Williams erfüllt diese Anforderung ohne falsches Kalkül. Herzzerreissende religiöse Heuler rüberbringen, als hinge die Seele davon ab und dennoch den Moment intensiv feiern und nicht an morgen denken: Schizophrenie ist für ihn kein böses Wort. Sein Credo: Der Widerspruch zwischen Party-Tier und Stechuhr-Sklaven ist in jedem von uns angelegt, also gräme Dich nicht und mach das Beste daraus. Ende der 40er Jahre scheint hier zum ersten Mal das Glücksversprechen des Rock’n’Roll auf, das große ‚Trotzdem‘ mit der Betonung auf Trotz. Wenn Williams auch im engen Gatter des Country rumtigerte, so war er doch viel mehr als nur ein tumber Cowboy – er erfand den Rock’n’Roll-Lifestyle, bevor es dafür ein Wort gab.

  
Wreck on the Highway

Die Kompromisslosigkeit seines Tuns war Williams´ Stärke und sein Fluch, befeuert durch Frauen, Pillen und Alkohol. Die beiden letztgenannten waren Treibstoff und Bremsfallschirm zugleich, denn ein schmerzhaftes Rückenleiden versaute ihm so manchen Auftritt. Medikamente und Alkohol halfen ihm gegen die Schmerzen. ‚Fitspritzen‘ würde man ihn heute, damals gab es nur die rauhe Methode. Die sollte ihn das Leben kosten, der tödliche Cocktail aus Schmerzmitteln und Wodka war seine letzte Mahlzeit in dieser ungemütlichen Nacht zwischen 1952 und 1953 irgendwo im amerikanischen Süden. Zu seiner Beerdigung in Montgomery, Alabama kamen über 20.000 Menschen.




Dienstag, 26. März 2013

Bahnhof verstehen.

Neulich am Hauptbahnhof:


Ich möchte mit einer S-Bahn zwei Stationen (zur Haltestelle Obertrundeln) fahren. Die Bahn fährt ein, ich suche mir einen bequemen Platz. Durchsage: "Hsmshsms, wegen Gründen und einer Störung wird diese Bahn direkt nach Fusselhausen durchfahren und NICHT in Grünweg und Obertrundeln halten."

Hmpf, also wieder aussteigen. Während ich noch mit dem Schicksal hadere, erschallt eine Durchsage auf dem Bahnsteig: "Hsnmshs, die S 29 nach Flossenquaak fährt nun ein. Dieser Zug hält auch an den Stationen Grünweg und Obertrundeln!" Hurra, einsteigen und glücklich sein!

Kurz darauf - der Zug steht noch im Bahnhof - eine erneute Durchsage: "Hsnsmhshsn, wegen Gründen und einer Störung hält dieser Zug NICHT in Grünweg und Obertrundeln, sondern fährt direkt durch bis Flossenquaak. Reisende, die Grünweg oder Obertrundeln als Ziel haben, werden gebeten, die S 3 zu benutzen. Diese fährt ohne Halt durch bis Flossenquaak."

Logik, Logik - wohin bist Du  entschwunden? Der Zugführer erklärt, er halte unterwegs nicht an und nennt als Alternative eine Bahn, die unterwegs nicht anhält? Ich beschliesse, der Sache auf den Grund zu gehen und werde am Führerstand der S-Bahn vorstellig. Widerwillig schiebt der Bahnangestellte das Schiebefenster senkrecht nach unten. Ich erkläre höflich, seine Ansage sei ein wenig missverständlich gewesen - ob er denn nun in Grünweg und Obertrundeln halte (wie es die Bahnsteigansage zunächst ja angekündigt hatte) oder nicht (wie er es verkündete). Er antwortet mir, ich möge die S 3 benutzen, diese fahre ohne Halt in Grünweg oder Obertrundeln direkt durch bis Flossenquaak. 

Entgeistert starre ich ihn an. Ein Sprechroboter? Eine elektronische Fahrplanauskunft, bionisch verpackt wie Yul Brunner in Westworld? Ich atme tief durch: "Hören Sie, ich möchte nur wissen, ob diese Bahn hier in Obertrundeln hält." Die Antwort verblüfft mich erneut. Sie lautet: "Ich hoffe."

Ich habe dann die Straßenbahn genommen.

Sonntag, 24. März 2013

Wolfgang Tillmans.

Sonntag, eisiger Ostwind in stürmischen Böen. Schnell zur Kunst, Wärme erhoffend.


Im Ständehaus: Wolfgang Tillmans, Gesamtüberblick. Fotos, Abstraktionen, Tischarbeiten. Die Werke sind casual an den Wänden befestigt, kaum mal ein Rahmen, meist Klammern oder Tesafilm. Hier wehrt sich jemand gegen die Aufnahme in den Olymp des Künstlerisch-Wertvollen, zelebriert das Nebenbei-tum, das Unprätentiöse. Große Formate dominieren, angefangen von den berühmten Szenebildern der 90er bis zu den Sternenhimmel-Aufnahmen oder den abstrakten Ausgeburten der Dunkelkammer.


Mitunter scheint ein Promi auf:


Ansonsten: Viel Beliebigkeit, verklausulierte politische Statements,schwules Lebensgefühl mit enthüllten Genitalien und Pictures from around the world. 

Highlight-Dialog in der Ausstellung: 
"Ist das dort auch ein Transsexueller?" (circa 75jährige Frau, die in einem Klappstuhl sitzt) 
- "Nein, die haben die Genitalien nach innen gestülpt!" (ihr circa 45jähriger Begleiter).



Die Ausstellung lässt mich ratlos zurück.

Viele der gezeigten Werke lösen in mir nichts aus, sind im besten Fall Momentaufnahmen einer zufälligen Wirklichkeit - und damit willkürlich, beliebig, unwichtig. „Ich mache Bilder, um die Welt zu erkennen.“ (Wolfgang Tillmans) Genau das funktioniert im Ständehaus eben nicht. 

Die Szenebilder der Techno- und Schwulenkultur behaupten im Nachhinein noch so etwas wie Relevanz, reissen mit ihrem (überwiegenden) Schnappschuss-Charakter aber das Zeitgenossentum in den Orkus des Gewöhnlichen. Das Lakonische, das sich auch in der fast schon schludrigen Anbringung der Werke an der Wand manifestieren soll, wird durch den Hype um Tillmans konterkariert. 
Er IST im Kunst-Olymp, im Mainstream, im Ständehaus angekommen. Das ist überhaupt nichts Verwerfliches. Aber umso verkrampfter wirkt der Versuch, diese Tatsache zu verneinen.


Donnerstag, 14. März 2013

Bye Bye, Brits.

Die Briten ziehen ab. Und das finde ich schade.


Der Abzug der britischen Armee aus Deutschland ist unlängst vorverlegt worden: Ursprünglich erst 2020 geplant, soll er vollständig nun schon 2016 beginnen. Damit endet eine über 70jährige Geschichte, die mit den Besatzungstruppen nach dem 2. Weltkrieg begann und über die Britische Rheinarmee (BAOR) zu den jetzigen British Forces Germany (BFG) führte.

Nun ist es immer gut, wenn Streitkräfte reduziert werden oder ein Land verlassen, aber im Falle der Briten verhält es sich für mich selbst als überzeugter Drückeberger trotzdem anders. Was mir fehlen wird, ist vor allem der kulturelle Einfluss des Vereinigten Königreiches, der sich hauptsächlich über den Radiosender BFBS ausdrückte. Wie für viele Deutsche war der British Forces Broadcasting Service für mich seit der frühen Pubertät ein akustischer Einblick in eine andere Welt, der sich deutlich von den deutschen Sendern unterschied - ich habe über legendäre Sendungen wie John Peel's Music, Rodigan's Rockers oder Nightflight mit Alan Bangs mehr und besser Englisch gelernt, als im Leistungskurs in der Schule. Gratis dazu gab's Musik, die so in deutschsprachigen Programmen nicht zu finden war.

Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber in den 80er Jahren regierten selbst auf der damaligen "Jugendwelle" WDR2 des Westdeutschen Rundfunks noch Alt-Hippies wie Peter Rüchel (bekannt aus dem Rockpalast), deren musikalische Sozialisation mit den Rock-Dinosauriern der 70er Jahre beendet war und die seitdem minutenlange Gitarren-Soli von langhaarigen Konsumenten verbotener Substanzen für den Gipfel progressiver und rebellischer Haltung hielten. Ich erinnere mich, wie noch 1984 der WDR gerade einmal eine Stunde pro Woche in der Sendung Graffiti aktuelle Musik spielte, die dem Punk- und Post-Punk-Betrieb entstammte. Ansonsten: GenesisSupertrampHarvest und FleetJeffersonPurple ohne Ende. Gähn.


Wie erfrischend war da "der Tommy", wie ihn meine Eltern zu nennen pflegten. Hier fand man immer neue musikalische Anregungen, und auch die News, die damals noch von der BBC kamen, vermittelten den Hörern einen etwas anderen Blick auf das Weltgeschehen. Unvergessen auch "Wireless for the Blind", das Charity-Programm kurz vor Weihnachten, bei dem sich alle Moderatoren in einer Art Mikrophon-Marathon um Spenden für blinde Veteranen bemühten - immer auf britische Art leichtfüßig, ironisch und manchmal albern. Überhaupt Weihnachten: Das Boxing Day-Programm war eher die Live-Übertragung einer Riesenfete und ein angenehmer Kontrast zum Besinnungs-Overkill deutscher Art.

Inzwischen ist auch BFBS den Weg des Formatradios gegangen und alle Ecken und Kanten wurden in den Selbstfahrerstudios zugunsten durchformatierter Playlists aus dem Computer abgeschliffen. Da war es nur folgerichtig, dass der Sender vor ein paar Jahren die reichweitenstarke terrestrische Verbreitung komplett einstellte und jetzt über Antenne nur noch lokal zu empfangen ist - oder im Kabel. Trotzdem hat BFBS immer noch einen festen Platz auf meinen Stationstasten und ich freue mich jedesmal, wenn Autofahrten mich nach Ostwestfalen führen, wo er weiterhin im Auto zu empfangen ist.

Beruflich hatte ich übrigens einmal in den Javelin Barracks in Elmpt an der niederländischen Grenze zu tun, wo ich mit der sehr freundlichen (deutschen) Pressesprecherin der British Forces Germany auf dem kaserneneigenen Golfplatz (!) Kaffee trank. Sie berichtete mir, BFBS habe mehr deutsche Hörer als britische - und das wunderte mich überhaupt nicht. Schließlich wußte ich, warum.