Am Neujahrsmorgen 1953 starb Hank Williams, Übervater der
Countrymusik, auf dem Rücksitz eines Cadillac. Seine letzte Mahlzeit:
Schmerztabletten und Wodka aus dem Flachmann.Nun haben wir gerade weder Neujahr noch gibt es eine neue Best Of-Compilation von Luke the Drifter, wie er sich auch nannte. Warum also dieser Text? Weil ich gerade dabei bin, das Gesamtwerk neu zu entdecken - und weil man keinen Grund braucht, über gute Musik zu schreiben.

Das Wetter meint es nicht gut. In der Neujahrsnacht 1953
schlingert ein Cadillac mit zwei Insassen durch den Regen im amerikanischen
Süden in Richtung Ohio. Im kleinen Ort Rutledge, Tennessee, hält der Fahrer an
einer Tankstelle, die auch jetzt, mitten in der Nacht, noch geöffnet ist. Er hat
einen wertvollen Passagier und will den Tankwart nach dem Weg fragen. Soll er
den Highway 21 oder doch den Highway 61 Richtung Norden nehmen? Den Fahrgast
auf dem Rücksitz kann er nicht fragen, der scheint seit Stunden zu schlafen.
Still ist es dort auf dem Rücksitz, sehr still. Charles Carr, der
siebzehnjährige Fahrer, wirft einen Blick nach hinten und ein Verdacht keimt in
ihm. Carr fühlt die Hand des dünnen Mannes: kalt. Angsterfüllt holt er den
Tankwart. Der sieht sofort, dass dieser Mann auf dem Rücksitz sein Ziel nicht
erreichen wird. Hank Williams,
Country-Musiker und Enfant Terrible des Nashville-Establishments, ist tot. Neben
ihm liegen sein breitkrempiger Hut, Schmerztabletten und eine Flasche Wodka. In
seiner Jackentasche steckt eine Pistole
Der Aufstieg und
das Danach
Williams
hatte es aus der Gosse in den Hillbilly-Olymp geschafft. Die ur-amerikanische
Geschichte, da ist sie wieder. Geboren als Hiram Williams am 17. September 1923
in bitterer Armut, vollzog sich der Aufstieg des Country Boy rasant. Nur sechs
kurze Jahre lang nahm er Platten auf. Sein größter Hit „Lovesick Blues“
katapultierte ihn in die heilige Halle von Nashville, die Grand Ole Opry. Dort
spielte er die hingerotzte, geheulte Klage über eine davongelaufene Liebschaft
vor 3574 Zuschauern und unzähligen Hörern am Radio sieben Mal hintereinander –
die Leute wollten ihn einfach nicht von der Bühne lassen. Das hatte es noch
nicht gegeben in der ehrwürdigen Opry.
16
Wochen war der Song an der Spitze der Country-Charts. Radioshows, Plattenverträge,
Filmpläne, gescheiterte Ehen, Affären, natürlich Cadillacs und das Haus für die
über alles geliebte Mutter folgten. Und der Alkohol. Viel Alkohol. Die Grand
Ole Opry, die ihn so innig an ihr reaktionäres Herz gedrückt hatte, warf ihn
raus. Mit einem Saufbruder wollte der musikalische Tugendtempel nichts zu tun
haben. Williams lieferte mit diesen Eskapaden die Blaupause für das Verhalten
aller ihm folgenden Pop-Emporkömmlinge.
Heaven and Hell
Da, wo Hank Williams herkam, war das Leben klar aufgeteilt
in Honkytonk einerseits und Zähneklappern vor der ewigen Verdammnis
andererseits. Samstagabend wird auf der Kneipentour die Stadt umgekrempelt, am
Sonntagmorgen in der Kirche um Vergebung gewinselt. Williams nahm diese
Dichotomie ernst, legte sich für die von Blues und Religion beeinflussten
Stücke gar eine zweite Bühnenexistenz zu. Als „Luke the Drifter“ spielte er
überwiegend Songs voller Schmerz und Inbrunst. „I‘m so lonesome I could cry“
stammt aus dieser Ecke, „Jambalaya“, der fröhliche Lobgesang auf die
Cajun-Küche, aus einer anderen. Für Williams paßte das Nichtpassende gut
zusammen und in seinen religiös inspirierten Aufnahmen spürt man Demut und
Achtung vor einem angstgeliebten Schöpfer, der seine braven Schäfchen mit
ideellen Gütern ebenso entschädigt wie er uneinsichtige Sünder am Tag des
Jüngsten Gerichts hartleibig abstraft.
Auf der anderen Seite: Hymnen des Nachtlebens, der
schmierigen Honky Tonks mit ihren betrunkenen Schlägereien und den willigen
Frauen. Diese Welt kannte Hank Williams, seit er mit 16 von der Schule abging,
um Musik zu machen. Mit seiner Band, den Drifting Cowboys, spielte der dünne,
blasse Junge Ende der 30er Jahre in den Spelunken Alabamas. Hier hatte die
Bibel wenig zu sagen, hier galten andere, handfeste Gesetze. Williams heuerte
einen Bass-spielenden Ex-Wrestler für die Drifting Cowboys an – nur zur
Sicherheit, das musikalische Können dieses Hünen war zweitrangig.
In den Widersprüchen seiner Texte war er sehr
amerikanisch, so wie zahlreiche Brüder im Geiste, die folgen sollten: Jerry Lee
Lewis heiratete eine Minderjährige um dann den Herrn zu preisen, Bob Dylan
suchte nach Beatnik-Erfahrungen Trost im Spirituellen und unendlich viele
Countryalben priesen das Rumrockern ebenso wie das keusche Leben. Hank Williams
war die erste dieser Doppelexistenzen. Nebenbei rettet er heute noch die tiefe
Spiritualität des amerikanischen Südens vor den Ostküsten-Evangelisten der Bush-Ära, die immer noch alles daran setzen, das Denken einer theologischen Randgruppe in
Weltpolitik zu verwandeln. Aber die Welt ist nicht Montgomery, Alabama.
Der Mann meint es
ernst
In
seinen besten Momenten vermittelt Williams ein Gefühl dafür, was Authentizität
ist und was sie bewirken kann. David Bowie forderte einmal von einem guten
Song, er müsse einen auf die Knie sinken und in Tränen ausbrechen lassen.
Williams erfüllt diese Anforderung ohne falsches Kalkül. Herzzerreissende
religiöse Heuler rüberbringen, als hinge die Seele davon ab und dennoch den
Moment intensiv feiern und nicht an morgen denken: Schizophrenie ist für ihn
kein böses Wort. Sein Credo: Der Widerspruch zwischen Party-Tier und
Stechuhr-Sklaven ist in jedem von uns angelegt, also gräme Dich nicht und mach
das Beste daraus. Ende der 40er Jahre scheint hier zum ersten Mal das
Glücksversprechen des Rock’n’Roll auf, das große ‚Trotzdem‘ mit der Betonung
auf Trotz. Wenn Williams auch im engen Gatter des Country rumtigerte, so war er
doch viel mehr als nur ein tumber Cowboy – er erfand den Rock’n’Roll-Lifestyle,
bevor es dafür ein Wort gab.
Wreck on the Highway
Die
Kompromisslosigkeit seines Tuns war Williams´ Stärke und sein Fluch, befeuert
durch Frauen, Pillen und Alkohol. Die beiden letztgenannten waren Treibstoff
und Bremsfallschirm zugleich, denn ein schmerzhaftes Rückenleiden versaute ihm
so manchen Auftritt. Medikamente und Alkohol halfen ihm gegen die Schmerzen.
‚Fitspritzen‘ würde man ihn heute, damals gab es nur die rauhe Methode. Die
sollte ihn das Leben kosten, der tödliche Cocktail aus Schmerzmitteln und Wodka
war seine letzte Mahlzeit in dieser ungemütlichen Nacht zwischen 1952 und 1953
irgendwo im amerikanischen Süden. Zu seiner Beerdigung in Montgomery, Alabama
kamen über 20.000 Menschen.