Mittwoch, 23. März 2016

Ex oriente lux? Im Gegenteil!




Nun hat sie also ihre erwarteten Erfolge gehabt, die sogenannte Alternative für Deutschland. Die Partei bekam in Baden-Württemberg rund 15 Prozent, in Rheinland-Pfalz 12,6 Prozent und in Sachsen-Anhalt sogar 24 Prozent. Damit muss man als Demokrat leben, es besteht kein Anlaß zur Hysterie. Doch man sollte auch genauer hinsehen, in welche Richtung sich dieses Single-Issue-Häuflein (ohne Flüchtlingsthema kein Wahlerfolg!) entwickelt. Und das, das sollte man nüchtern analysieren, denn mit Dämonisierungen bläst man nur in das Horn einer Toxikologin namens Petry, die genau weiß, dass die Dosis das Gift macht. Und deshalb in steter Regelmäßigkeit ihr Gift in die mediale Aufmerksamkeitsökonomie einträufelt.

27 Jahre nach der Wiederveinigung bleibt festzuhalten, dass die AfD in ihrer jetzigen Form ein spätes Produkt der DDR ist. Das ist kein Vorurteil, kein Ossi-Bashing, sondern eine Analyse. Die sogenannte AfD ist inzwischen zwar auch in westdeutsche Landesparlamente eingezogen, aber ihre Themen und der Kern ihrer Anhängerschaft sind tief in der Tradition dieses biedermännischen Schleiflack-Kleinbürgerstaates verortet. Es ist kein Zufall, dass die Flüchtlingshasser der sogenannten AfD ihre größten Erfolge in jenen Landstrichen feiern, die schon zu Honeckers Zeiten trotz Streben nach Weltniveau nie auch nur einen außereuropäischen Gast oder gar Bewohner gesehen haben. Außer Sowjetsoldaten aus Sibirien, natürlich. Kein Zufall ist es ja auch, dass nur im Osten Pegida als der quasi-außerparlamentarische Arm der sogenannten AfD erfolgreich belegen kann, wie dumpfes Ressentiment und antidemokratische Dummheit bestens miteinander harmonisieren.


Zur Ost-Herkunft passt natürlich auch "Wir sind das Volk!" als politischer Anspruch. Der Spruch ist aus der AfD-Ecke oft zu hören und zu lesen. Er soll Bezug nehmen auf eine angeblich genuin ostdeutsche Tradition des Aufbegehrens gegen eine illegitime Obrigkeit: Volkssouveränität gegen Stasi-Macht. Vergessen wird dabei allerdings zweierlei: Der emanzipatorische Charakter dieses Sprechchores ging schlagartig verloren, als im Herbst 89 der Satz zu "Wir sind ein Volk!" mutierte. Aus demokratischem Fortschritt wurde so Saumagen-Nationalismus. Und zweitens: 1989 richtete sich "Wir sind das Volk" in der Tat gegen eine Regierung ohne Legitimation, die sich mit Wahlfälschungen, getürkten Produktionserfolgen und den Waffen der Sowjetmacht behaupten musste. Denselben Spruch im Jahr 2016 erneut gegen Angela Merkel und Sigmar Gabriel einzusetzen beweist, dass der durchschnittliche Pegida/AfD-Anhänger vom politischen System der Bundesrepublik Deutschland entweder keine Ahnung hat oder es schlicht ablehnt. Im Zweifel wohl beides.

Apropos Pegida: Meine Vermutung ist ja, dass diese montäglichen Zusammenrottungen von Wutrentnern, Glatzenträgern und bürgerlichen Neofaschisten einen wichtigen Teil der zukünftigen Doppelstrategie der sogenannten AfD bilden werden. Der Kuschelkurs zwischen den Bachmännern (Pegida) und Hoeckes (AfD) ist ja längst bekannt, ihr gemeinsames rassistisches Weltbild ebenso. Trotzdem: Die Petry-Truppe wird sich  auch verbürgerlichen, um in den Talkshows auf Augenhöhe mitzureden, sie wird einfordern, als politische Gruppe gehört und als "normaler" Gesprächspartner akzeptiert zu werden. Sie wird oberflächlich westlicher, pseudo-pluralistischer werden, also zivilisierter im politischen Kontext. Die Verbindung von ostdeutscher "revolutionärer" Tradition mit den wohltemperierten Ängsten des westdeutschen Bürgertums steht an. Das ist taktisches Kalkül, um für weitere Wählerkreise akzeptabel zu werden. Der Fahnen-ausbreitende TV-Gnom hat dann ausgedient, er wird durch den smarten Wirtschaftsexperten oder die unentspannte Frau mit der praktischen Kurzhaarfrisur ersetzt. Frau von Storch als ästhetische und inhaltliche Zumutung wollen sie ja schon aus der Programmkommission entfernen.

Überhaupt das Programm: Bisher hat die sogenannte AfD auf Bundesebene keinen programmatischen Text vorzuweisen. Warum auch? Die Partei lebt gut von gefühlten Ängsten und eingebildeten Bedrohungen, ganz ohne theoretischen Überbau. Primat der Praxis, siehe historische Vorbilder. Zwar wird Frau Petry mit ihren besorgten Bürgern nicht auf Berlin marschieren, aber trotz der oben angesprochenen inhaltlichen Zweiteilung in Montagsdemo (= radikale Straße) und Parlamentsarbeit (= bürgerliches Image) wird das Ressentiment weiter vorrangig bedient werden, nicht der Intellekt. Die meisten AfD-Wähler werden das Programm, das Ende Apil kommen soll, deshalb gar nicht zur Kenntnis nehmen. Sie brauchen es nicht, denn ihr Weltbild ist ja schon lange fertig: Merkel muss weg, die Presse lügt und der Islam bedroht uns alle.

24 Prozent in Sachsen-Anhalt? Das heißt: 76 Prozent sind gegen die sogenannte AfD. "Wir sind das Volk" - was für eine Anmaßung.

Nachtrag: Das Kreidefressen geht flott voran, die Partei betont das Biedermännische nun massiv. Der AfD Landesverband Saar ist mit sofortiger Wirkung wegen Kontakten zu offenen Nazis aufgelöst, was nichts an der Integrationsfunktion der AfD auch für diese Kreise ändert.  

Auch die Medien reagieren: Im Politikfachblatt Bunte darf Frau Petry auf drei Seiten die Gründe für ihren Ehebruch darlegen und mit ihrem Lebensgefährten (und AfD-Parteifreund) Marcus Pretzell sittenstrenge Zweisam- und Bürgerlichkeit demonstrieren ("Sie hat so etwas dämonenhaft Schönes."). Ein ganz normales Pärchen, eine ganz normale Partei. 

Freitag, 4. März 2016

Zeit-Schriften.




Ich stehe ja auf bedruckten Zellstoff. 
Digitalisierung hin oder her - ich bin ein Freund der guten alten Zeitschrift. Deshalb stapeln sich bei mir auch die unterschiedlichsten Publikationen, vom maltesischen Magazin für Interior Design über britische Nerd-Hefte zum Thema "Classic Airliner" bis zur französischen Oldtimer-Zeitschrift. Den jeweiligen Inhalten - egal, ob fremdsprachig oder deutsch - nähere ich mich mit einer ritualisierten Herangehensweise. Ich umkreise jedes neue Exemplar zunächst geistig, blättere nur darin herum, lese in einer späteren Phase z.B. die Bildunterschriften und widme mich dann erst den Texten - wenn ich sie denn lesen kann. Denn manchmal "lese" ich auch japanische Zeitschriften. Das ist dann natürlich kein Lesen im klassischen Sinn, sondern eher eine Regression in die prä-literarische Phase der Kindheit, in der man sich ausschließlich an Bildern erfreute. In Zeiten, in denen erwachsene Menschen Ausmalbücher als Entspannungstherapie nutzen, muss ich mich wohl nicht schämen, wenn ich ein Faible für exotische Bilderstrecken entwickelt habe. Über zwei besondere Zeitschriften möchte ich heute berichten, auch wenn der Anlaß ein betrüblicher ist. Beide haben nämlich in der vergangenen Woche ihr Erscheinen eingestellt.


Das erste Beispiel fällt in die oben genannte Kategorie: Free&Easy aus Japan. Seit 1998 war das Magazin eine Institution in Sachen Americana und widmete sich mit Hingabe der Kleidungskultur der USA des 20. Jahrhunderts. Die japanische Vorliebe für die klassische Hoch-Zeit von Ivy League, Work Wear und Military Wear ist legendär, noch viel stärker als im Deutschland der Nachkriegszeit hatte sich im Fernen Osten das Gespür für die US-Kultur in einen regelrechten Kult verwandelt. Free&Easy pflegte diesen Kult, begleitete und förderte dabei eine Industrie, die den Lifestyle der 30er bis 70er Jahre inzwischen in ein äußerst lukratives Marktsegment verwandelt hat. Vintage anybody?

Japaner waren die ersten, die authentische Repliken der 501-Jeans auf ebenso authentischen Webstühlen herstellten, und sie waren die ersten, die die Thrift Shops in den USA nach den versunkenen Kleidungs- und Dekoschätzen des Amerikanischen Jahrhunderts durchforsteten. In gewisser Weise haben sie dieses Erbe verwaltet und am Leben erhalten, lange bevor Ralph Lauren und andere Modeimperien den Wert der eigenen Fashiongeschichte erkannten. Magazine wie Free&Easy waren der Katalysator für diese Szene, weniger in einem ideologischen Sinn als vielmehr durch ihre katalogartige Anmutung: Auf den Seiten des fotolastigen Magazins wurde noch das letzte Detail einer versunkenen Qualitäts-Welt festgehalten - und ich habe diesen fast manischen Sinn für das Kleinteilige immer bewundert, wenn ich mich selbst durch dreiseitige Fotoauflistungen von "Talon"-Reißverschlüssen kämpfte oder das erstaunlich farbenfrohe und abwechslungsreiche Universum der Jeans-Knöpfe kennenlernte. Ganz zu schweigen von den unterschiedlichen Arten, auf der Back Pocket einer Jeans eine Ziernaht anzubringen.


Doch das Konzept von Free&Easy barg auch einen Nachteil: Den der Redundanz. Als Kopiervorlage für Denimhersteller hochwillkommen, war der Erkenntnisgewinn für den durchschnittlichen Leser (nicht den Kauz wie mich!) eher bescheiden. Es ist wie mit allen Fachzeitschriften, die eine spitze Zielgruppe haben - irgendwann ist alles dokumentiert, gesagt, gezeigt. Die tröstende Kuscheligkeit einer abgeschlossenen Inhalte-Epoche wurde im Falle Free&Easy zum Auflagen-Bumerang, denn es kann per definitionem nichts Neues hinzukommen. Die Vintage-Welt ist nun mal ein Goldfischglas.




Inventory aus Kanada wollte diese Fehler vermeiden. Seit 2009 bemühten sich das Magazin und die gleichnamige Online-Plattform, zum Forum eines zeitgenössischen Umgangs mit den Themen Heritage, Fashion, Fotografie und Kunst zu werden. Contemporary auch in der Ästhetik, die im Gegensatz zum chaotischen Bilderbuch von Free&Easy stets wunderbar klar und strukturiert daherkam, mit Fotostrecken, die im kühlen Layout atmen durften und Textblöcken, die mit ihrer kleinen Schrift wie Inseln im weißen Grundton der Seiten wirkten. Inventory war ein schönes Magazin, eines, dass man gerne in die Hand nahm und einfach nur ansah. Eines jener Hefte, die man sammelt, weil sie als Gesamtkunstwerk gefallen. Das Magazin spielte bei allem Zeitgenossentum mit im Konzert der vergangenheitsverliebten Puristen, gab dem Ganzen aber einen modernen Touch: Gerne interviewten die Inventory-Macher Kreative, die auf dem Americana-Erbe aufbauten und sich um ein Update für das 21. Jahrundert bemühten.

Auch dieses Heft ist nun - nach Ausgabe 13 - eingestellt worden. Die Macher möchten sich neuen kreativen Herausforderungen widmen und ich glaube, man wird wieder von ihnen hören. Wahrscheinlich dann im Digitalen, da gehen ja jetzt alle hin.

Beiden Publikationen ist eines gemeinsam: Sie waren Ausdruck einer veränderten Publisher-Kultur, technisch wie gedanklich. Inzwischen braucht es keinen Großverlag mehr, um aufwändige Magazine herauszubringen und es braucht auch keine Millionenauflage, um profitabel zu sein. Eine in sich stimmige Idee reicht aus. Früher hätten Menschen wie die hinter Free&Easy oder Inventory selbstkopierte Fanzines herausgegeben, in Schwarz-Weiß und mit Heftklammern zusammengehalten. Heute können sie ihre ästhetischen und inhaltlichen Vorstellungen so ausführen wie die "richtigen" Magazine, die in den Entwicklungsabteilungen der Großverlage auf dem Reißbrett entstehen. Im Gegensatz zu Letzteren haben die Indies sogar eines: Seele.

So ist es einerseits traurig, wenn es die beschrieben Publikationen nun nicht mehr gibt. Aber in den Startlöchern stehen schon jede Menge New Kids On The Zeitschriften-Block, die ihre jeweiligen Spezialgebiete ebenfalls mit Herzblut und Kreativität beackern. Beispiel gefällig? Bitteschön: Jocks And Nerds!
 

Samstag, 20. Februar 2016

Wie man mit einem Lachs verreist



"Wen die geltende paradoxe Rechtslage zwingt, eine schwierige wirtschaftliche Lage dadurch zu lösen, daß er die Universität so schnell wie möglich abschließt, für den bieten sich zwei Lösungen an: 1. Eine vernünftige Summe investieren und sich die Arbeit von einem anderen schreiben zu lassen. 2. Eine an einer anderen Universität schon einige Jahre früher geschriebene Arbeit abschreiben (...)."

Dies ist ein Zitat von einem renommierten Professor, der seinen Studenten in einem kleinen Kompendium erklärt, wie man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreibt. Das Werk ist schon etwas älter und wurde eindeutig im Vor-Internet-Zeitalter verfasst (remember the Guttenberg-Galaxis?), zeigt durch Sätze wie den obigen jedoch, dass der Professor sich nicht im verstaubten Elefenbeinturm seiner Fakultät eingeschlossen hatte, sondern die (wirtschaftlichen) Nöte seiner Studenten durchaus ernst nahm. Und gleichzeitg mit gesundem Pragamatismus leise Kritik an den Gegebenheiten der moderen Massenuniversität übte.

Der Name des Professors ist Umberto Eco und das Buch ist heute noch erhältlich. Von einem deutschen Professor hat man solche Zeilen nie gelesen und auch wenn Eco im Nachgang zu dem Zitat feststellt, "es versteht sich, das die soeben gegebenen Ratschläge rechtswidrig sind", so ist dieser praktische Umgang mit der studentischen Realität ein Zeichen für seine Auffassung von Wissenschaft, die nie den sozialen und politischen Kontext aus den Augen verlieren sollte. Eco wußte, dass nicht die Studenten kriminell sind, die abschreiben oder betrügen, sondern jenes Uni-System, das die Rich Kids schamlos bevorzugte.

Diese Verbindung zum "realen" Leben, der Jetztzeit und dem politischen Scharfsinn hat man bei ihm immer gespürt, selbst wenn er von mittelalterlichen Ketzern schrieb, Comics analysierte oder in seinen "Streichholzbriefen" leise-ironisch das Italien des 20. Jahrhunderts kommentierte. Eco war ein Mann der Moderne, genauer: der Postmoderne, dessen universales Wissen stets schelmisch und nie angeberisch daherkam. Er warf permanent geistige Nebelkerzen, verbarg die umfassende Enzyklopädie seines Geistes in leicht zu lesenden Paperback-Blockbustern und lächelte nur gütig, wenn man versuchte, ihn festzulegen. In seinem Universum hatte alles mit allem zu tun, es gab unzählige verklausulierte Querverweise und sich überlagernde Meta-Ebenen.

"Der Name der Rose" beginnt mit dem simplen Satz "Natürlich, eine alte Handschrift.", doch was dann folgt, ist gar nicht simpel - und schon gar nicht eindeutig. Das Buch ist ein Geschichtstext, eine Detektivgeschichte und ein philosophisches Traktat, es treten Geistesgrößen, Schriftsteller und Scharlatane auf. Sherlock Holmes, Jorge Luis Borges, die Bibliothek von Alexandria und die Poetik des Aristoteles, die Frage, ob Jesus lachte, die Anfänge der Scholastik und selbst die Roten Brigaden - sie alle vereinen sich zu einem feurigen Rundumschlag, den man unmöglich mit einmaligem lesen erfassen kann. Und am Ende liegt alles in Trümmern.

Was hat man nicht alles hineingelesen in dieses Buch - eine wunderbar ironische Bestätigung für Ecos These vom lector in fabula, dem Leser, der das Buch erst erschaffe. Der Semiotiker Eco spielte immer mit den Erwartungen des Offensichtlichen, aber er war alles andere als oberflächlich. Ganz im Gegenteil: Je tiefer man in sein Universum eindrang, desto ungewisser wurden alle oberflächlichen Gewissheiten. Eco lockte einen als unterhaltsamer Flötenspieler in den Dschungel der Fakten und der Philosophie - und ließ einen am Ende mit den rauchenden Trümmern des bisherigen Weltbilds allein. Wer sich mit ihm beschäftigte, dem blieb eines nicht erspart: Denken. 

Bis man das merkte, hatte man sich aber schon köstlich amüsiert.

Ciao, Signore Eco!

Donnerstag, 11. Februar 2016

Derby-Sieger

Jetzt ist es passiert. In der aktuellen Ausgabe einer Fachzeitschrift für alte Autos finde ich einen lobenden Artikel über ihn: Den Volkswagen Derby der zweiten Serie, den meine damalige Freundin zum 18. Geburtstag bekommen hatte. Ihre Eltern hatten es gut gemeint und der Fahranfängerin in mühevoller Kleinarbeit ein leicht verunfalltes Exemplar dieses Rentertransporters wieder aufgebaut. Mit braunem Metallic-Lack. Mit braunen Sitzen. Mit ohne Glamour.

Auch in hellgrün hässlich: Der Derby.
Das war Ende der Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Wir spotteten natürlich über das fäkalfarbene Anti-Spaßmobil mit seinem dürren Schaltstock (damals war das wirklich noch ein Stock!), seinem Innendesign im Stile einer billigen Schneider-Stereoanlage und dem seltsam hoch angeklebten Stufenheck, das aus dem knackigen Polo einen Traumwagen für Herrn Stubenrauch machte. Herr Stubenrauch war der lodenbehütete Hausmeister meiner Zivildiensteinrichtung, gefürchtet wegen seiner autoritären Art und seiner Mitgliedschaft in einem Kleingartenverein. Da hatten wir's: Kleingarten plus Kleinwagen gleich uncool hoch drei!

Und das soll jetzt alles auf einmal nicht mehr gelten? Besagte automobile Fachzeitschrift reiht den Derby nämlich ein in eine motorisierte Ahnenreihe, in der Ikonen wie Golf GTi oder Ford Granada ganz selbstverständlich vertreten sind. Und womit? Mit Recht. Weil sie kein Derby sind. 
 
Nur cool mit ATS-Felge: DAS war ein Auto, Herrschaften!
Gut, ich gebe zu, ich hatte auch meinen Derby-Moment. Damals, als mein Kadett C mit den schwarzen Rallyestreifen mal wieder, nun, sagen wir: unpässlich war. Er lief halt nicht. Ich musste jedoch dringend in eine rund 30 Kilometer entfernte Stadt und lieh mir zähneknirschend den braunen Derby meiner Freundin, auf dessen Beifahrersitz ich mich sonst nur mit hochgeschlagenem Mantelkragen und verspiegelter Sonnenbrille duckte. Sie gab mir gönnerhaft die Schlüssel und ich startete den Rasenmähermotor mit seinen bärigen 40 PS. Nie hat es eine unpassendere Kombination gegeben: Ein rauchender Typ mit "Youth of Today"-Shirt am Steuer dieses Vorstadt-Blumenkastens, und aus dem asthmatischen Cassettengerät dröhnt wild übersteuernd Ian Astbury über Andy Warhols Muse "Edie".
Ich hätte es damals natürlich nie zugegeben, aber der Derby fuhr sich, ähem, passabel. Er war eben ein Volkswagen - solide, unauffällig und störungsarm. Aber auch so aufregend wie der Vereinsabend der Kleingärtner. Deshalb erübrigte sich jede Diskussion: Dieses Auto würde nie auch nur in die Nähe des Begriffs 'cool' gelangen. Und genau das sagte ich meiner Freundin, als ich ihr die Schlüssel zurückgab.

2016 feiert man den Spießer-VW als standesgemäßen Oldtimer mit großem Fan-Potential. Herr Stubenrauch hat gesiegt. Mein Kadett ist längst verrostet und ich habe gute Freunde, die einen Kleingarten besitzen.
Aber deshalb kommt mir noch lange kein Derby in die Garage!

In der nächsten Folge: Warum auch der doppelt so große Bruder des Derby - der doppelt so öde VW Jetta - auf einmal hot sein soll...

Dienstag, 2. Februar 2016

Die Wahrheit, das Universum und die AfD



Das TV-Programm gegen 1.00 Uhr nachts ist nicht besonders aufregend. Hier trötet einem die Dschungelcamp-Wiederholung entgegen, dort räkeln sich nackte Mädchen in sogenannten "Sport Clips" und möchten, dass ich anrufe. Andernorts jedoch findet man mitunter echte Perlen der Fernsehbranche, uralt und doch aktuell. Zum Beispiel auf ARD alpha, einem dieser Bildungbürgerkanäle. Hier stolperte ich des nächtens über eine Produktion aus dem Jahre 2001 (!) namens alpha centauri. Minimalistische Kulisse, keine Einspielfilme und ein Moderator, der die ganze Zeit über abgefahrene Dinge wie Pulsare, Schwarze Löcher oder das Universum an sich redete. Es war Professor Harald Lesch, der damals noch in den Spartenkanälen rumtobte. Heute ist er ja im Hauptprogramm angekommen, was - wie ich finde - seine Stärken nicht mehr wirklich zur Geltung bringt.

2001 jedenfalls zeigte er, was für ein verdammt guter Wissenschaftsmoderator er ist. Er betrieb Anti-Fernsehen im besten Sinne - denn was sonst ist ein gut 20minütiger Monolog vor einer DDR-Kulisse aus Schultafel und Berufskolleg-Sitzmöbeln? Der Prof sprach von Grundsätzlichem. Lesch erklärte mir nicht nur das Universum (genauer: Die Suche nach den Gesetzen desselben), sondern auch die AfD. Ohne die Partei beim Namen zu nennen, natürlich.

Lesch erinnerte in seinem Vortrag an ein längst vergessen zu sein scheinendes Phänomen namens Wissenschaftstheorie, deren Grundlagen getrost als gemeinsame Grundlagen eines jeden kritischen Denkens gelten dürfen. Stichwort: Falsifizierung. Lesch erinnerte daran, dass jede gute Theorie nicht darauf aus sei, ihren Wahrheitsanspruch hervorzuheben, sondern ganz im Gegenteil stets schon die Einladung zu ihrer Widerlegung enthielte. Mit anderen Worten: Newton, Einstein und Co. wollten nicht die Wahrheit verkünden, sondern sahen sich als "Zwerge auf den Schultern von Riesen", die sich der Fehleranfälligkeit einer jeden Theorie (und damit des menschlichen Denkens) stets bewußt waren. They call it science, baby! Daraus entwickelt sich ein fruchtbarer Diskurs, ein Wettstreit der Ideen und immer auch die souveräne Bereitschaft, unrecht zu haben. Kurz: es geht nicht um die Wahrheit - viel, viel wichtiger ist das Element des Zweifels. Der Zweifel hat die Menschheit voran gebracht, der Zweifel gehört zum wirklichen Denken wie der kritiklose Glauben zur Propaganda und zur katholischen Kirche.

Was das nun mit der AfD zu tun hat? Nun ja, wir leben ja bekanntlich in Zeiten, in denen der Zweifel nur noch Konjunktur als medienwirksame Waffe hat: Lügenpresse, Verschwörungstheorien, Chemtrails und Aluhüte - all das wirft sich in die Pose des Zweifels, beherrscht in Wahrheit aber nicht die fundamentale Voraussetzung für einen ernstzunehmenden poltischen Standpunkt im demokratischen Sinne: Die Bereitschaft, sich und das eigene Denken zur Diskussion zu stellen. Diese Art von Zweifel ist nur ein anderer Ausdruck von Selbstgerechtigkeit, die widerum Ausdruck von Unsicherheit und, ja: Dummheit ist. Das endet dann bei Carl Schmitt und einer politischen Philosophie, die nur noch in Freund-Feind-Kategorien feststeckt.

Nun ist das alles kein Wunder, denn eine Tri-Tra-Trullala-Medienlandschaft und ein neoliberales Dauertrommelfeuer haben ja seit rund 20 Jahren via Schröder-Agenda und GroKo-Volksgemeinschaft nur noch hassverzerrte Nicht-Gönner hervorgebracht, die jederzeit bereit sind, ihrem Nachbarn, Flüchtling, Rassefeind zu unterstellen, er wolle ihre Frauen rauben/ den Sozialstaat (welchen eigentlich noch?) ausnutzen / den Lack des auf Pump gekauften Golf zerkratzen. 

An den Unis lehren sie folgerichtig  nur noch BWL, VWL und das Dogma von der besten aller möglichen Welten, in der wir angeblich lebten. Die paar Geisteswissenschaftler, die sich noch für die Mechanismen des Denkens statt die besten Aktientipps interessieren kriegen wir auch noch klein. Gutes Beispiel übrigens: Eine Generation von Studenten, denen nur noch affirmativ eingebimst wird, es gäbe keine Alternative zum Kapitalismus, wird sich nicht mit unnötigen Zweifeln aufhalten. Sie ist auch zu beschäftigt, ihren unbezahlten Praktikantenplatz in diesem System zu finden. Und im Zweifel (excuse the pun!) wird sie dann eine von Wirtschaftsprofessoren gegründete Partei unterstützen, die auf Flüchtlinge schiessen will.

Davon konnte Harald Lesch 2001 noch nichts wissen: Das man ihn heute dringender bräuchte als jemals zuvor. Deshalb darf er nun ja auch erst nachts um 1 auf den Schirm.

P.S.: Als dieser Text bereits fertig war, entdeckte ich nebenan bei der fabulösen Frau Smilla, dass es ihr ganz ähnlich geht mit dem Verschwinden des Zweifels. Und bei ihr gibt es auch Katzenfotos!


Dienstag, 12. Januar 2016

Im Schatten des Doms.



Die Domstadt ist erschüttert. Man spricht von bis zu 700 Opfern. Sie alle wurden von Männern betatscht, geschlagen und vergewaltigt. Männer, deren gemeinsamer Hintergrund eine religiös basierte, verklemmte Sexualmoral ist. Männer, deren Kultur es erlaubt, andere zu drangsalieren. Diese Männer sind Täter, die ihre abscheulichen Taten ohne schlechtes Gewissen in ihr Weltbild einbauen können - Gott will es doch so. Und überhaupt: Das Opfer ist am Ende immer selber schuld.

Die Rede ist nicht von Köln.