Dienstag, 12. Januar 2016

Im Schatten des Doms.



Die Domstadt ist erschüttert. Man spricht von bis zu 700 Opfern. Sie alle wurden von Männern betatscht, geschlagen und vergewaltigt. Männer, deren gemeinsamer Hintergrund eine religiös basierte, verklemmte Sexualmoral ist. Männer, deren Kultur es erlaubt, andere zu drangsalieren. Diese Männer sind Täter, die ihre abscheulichen Taten ohne schlechtes Gewissen in ihr Weltbild einbauen können - Gott will es doch so. Und überhaupt: Das Opfer ist am Ende immer selber schuld.

Die Rede ist nicht von Köln.

Donnerstag, 7. Januar 2016

Was mit Medien.



So langsam komme ich nicht mehr mit.

Alle reden ja im Moment über die Silvesternacht von Köln, den Maghrebiner an und für sich sowie über eine Oberbürgermeisterin mit gaaanz langen Armen. Ich habe drüben bei Facebook ein-, zweimal meinen Senf dazu gegeben, aber im Grunde möchte ich mich mit den versammelten Trollen dort nicht in einer Diskussion aufreiben. Das Gesichtsbuch ist und bleibt ein Tummelplatz von Wuthipstern mit Schaum vorm Mund - und ich stelle mit Erschrecken fest, dass einige meiner sogenannten Freunde dort gar nicht die gelassenen Weltbürger sind, als die sie sich jahrelang maskiert haben. Ganz zu schweigen von den Legasthenikern mit Ausrufezeichen-Diarrhö.

Was mich aber gerade auch noch umtreibt in dieser unsäglichen Diskussion ist der Vorwurf, die überregionalen Medien hätten zu spät über die Vorfälle in Köln berichtet. Was sich zunächst nach dem berechtigten Einfordern objektiver  Information anhört, ist bei genauerem Hinsehen exakt das Gegenteil: Ein Plädoyer für aufgeregten Nullwertjournalismus. Nehmen wir einmal die Sichtweise von Süddeutscher Zeitung, FAZ oder meinetwegen selbst des Spiegel an: Für ein Medium außerhalb von Köln ist in besagter Silvesternacht nicht viel passiert - das bestätigte ja auch der kölsche Polizeibericht am 1. Januar, der sinngemäß "keine besonderen Vorkommnisse" meldete. Und für anständigen Journalismus gehört es sich, aus dem berühmten umgefallenen Sack Reis in China keinen nordkoreanischen Wasserstoffbomben-Test zu machen. Das passiert an den falschen Stellen nämlich bereits zu oft.

Wie also kann man jetzt in bewährter Lügenpresse-Manier darüber meckern, dass Zeitungen und Rundfunk sich mit der Berichterstattung und Bewertung der Kölner Vorfälle etwas Zeit gelassen haben? Dass sie sauber recherchieren und die Fakten gelassen einordnen wollen? Was ist denn die Konsequenz einer "schnellen" medialen Abbildung? Richtig, die Simpsons:

Reporter Kent Brockman: "When cat burglaries start, can mass murders be far behind? This reporter isn't saying that the burglar is an inhuman monster like the Wolfman, but he very well could be. So, professor: would you say it's time for everyone to panic?"

Professor: "Yes I would, Kent."

So wie Kent Brockman den Zusammenhang vom normalen Einbruch zum Massenmord herbeiredet, so sollen also auch die Ereignisse von Köln in atemloser, unreflektierter Manier behandelt werden: Endstation Apokalypse? Das ist, mit Verlaub, totaler Bullshit. Und dieser Bullshit kommt im übrigen in der Regel von Leuten, die sich wendehalsig montags in Dresden über die Hysterie der Mediendemokratie aufregen und darin eine Gefahr für den "kleinen Mann" sehen. Oder erwartungsgemäß von der CSU.

Einen ähnlichen Ablauf wie jetzt in Sachen Köln gab es schon im November bei den Terroranschlägen von Paris. Während bei CNN ein aufgeregter Kent-Brockman-Lookalike auf der Champs Elysee davon faselte, die Weihnachtseinkäufe der Franzosen seien in vollem Gange (Anfang November!), die Stadt sei voller Menschen und der Konsument als solcher sei nun einer enormen Bedrohung ausgesetzt, schaltete die Tagesschau zur Paris-Korrespondentin Ellis Fröder, die aus der Unübersichtlichkeit der Situation (und dem entsprechenden vorsichtigen journalistischen Herantasten) keinen Hehl machte. Das Ende vom Lied? Allgemeines Gemerckere über eine angeblich nicht vorhandene News-Kompetenz der öffentlich-rechtlichen Sender. Tenor: Nicht zu fassen, sie geben zu, dass sie eine Stunde nach mehreren Anschlägen in einer Millionenstadt nicht viel wissen! Von unseren Gebührengeldern!

Und da komme ich dann nicht mehr mit. Außer, ich unterstelle den "Kritikern" ein Höchstmaß an Heuchelei.


Mittwoch, 6. Januar 2016

Über Menschen.

Ach herrje, schon seit September 2015 gibt es ein neues Fehlfarben-Album - und ich habe davon bis jetzt nichts mitgekriegt? Nun ja, die Zeiten, als man täglich durchs Pop-Universum streifte, sind fürwahr vorbei.

Sei's also drum, die Chronistenpflicht in Sachen Peterchen Hein und Co. zwingt mich trotzdem, dem aktuellen Werk die Ehre zu erweisen. Was ich gerne tun möchte, denn wie ich schon woanders schrub, sind die Fehlfarben sowas von Out-of-Time, dass gerade in diesem stoischen Weitermachen ihre eigentliche Qualität liegt. Stoisch ist auch der Inhalt von "Über...Menschen", deren Cover den Kö-Bogen in der Landeshaupstadt als psychedelisch-giftige Stadtvision zeigt. Giftig sind sie nicht mehr so richtig, die Wut ist weg, die sonst immer spürbar war. Peter Hein lakonisiert sich durch eine Bestandsaufnahme des täglichen Irrsinns, und - klar! - kriegen auch die Hohepriester und Speichellecker des Falschen wieder ihr Fett weg, aber es ist mehr ein resignatives "Hört das denn nie auf?", das da zwischen den Zeilen durchtropft.

Natürlich ist das alles trotzdem gut und wichtig und Musik-zur-Zeit-ig, auch wenn es in diesem Video hier textmäßig ein wenig nach kritischer Nostalgie riecht (gibt es sowas?). Peter Hein vor'm klassizistischen Palais erinnert mich aus irgendeinem Grund an Tony Marshall - nur die Le Mans-Jacke mit dem Aufnäher vom BRDC (ab Minute 1:20) reißt es selbstverständlich wieder raus: