Montag, 16. Mai 2011

The Return Of Graf Zahl?


Hm, die Älteren unter uns werden sich erinnern: 1987 wurden in der guten alten Bundesrepublik zuletzt die Bürger aufgefordert auf dass sie sich einschreiben ließen, ein jeder in seiner Stadt. Diese Volkszählung mobilisierte die übriggebliebenen Ausläufer der Protestkultur von Anfang der 80er: Sie gaben ihr Bestes, den Orwell'schen Überwachungsstaat mit nur drei Jahren Verspätung als Realität darzustellen. Schon damals mit mäßigem Erfolg.

Dennoch: Die Argumente waren nicht einfach von der Hand zu weisen, denn schließlich gehört es zum Wesen jeder Herrschaft, so viele Informationen wie möglich über die Untertanen zu sammeln, um sie leichter beherrschen zu können. Mißbrauch inbegriffen. Wie sehr dieses Prinzip demokratisch begrenzt und kontrolliert werden muss, ist seitdem ein permanenter Streitpunkt in politikwissenschaftlichen Seminaren - und diverse Datenschutzskandale nicht nur staatlicher Stellen haben das Vertrauen in den ordnungsgemäßen Umgang mit persönlichen Daten schon lange erschüttert.

Nun also wieder Volkszählung. Im Gegensatz zu 1987 läuft das Thema im Moment ein wenig unter "ferner liefen" - nur in einigen westdeutschen Metropolen regt sich zartes Gemurre:


Ich finde, die Plakate haben etwas Anachronistisches - schließlich leben ganze Schüler- und Studentengenerationen bereits bei Facebook, ermitteln ihren sozialen Status über die Anzahl der Netzfreunde und geben freimütig pubertäre Partyfotos oder die genauen Maße der Geschlechtsorgane preis. Businessmenschen tragen bei Xing oder LinkedIn ein, wann sie wo beschäftigt waren und lobhudeln sich selbst ob ihrer soft skills. Und die User des Diddlmaus-Forums geben der werbetreibenden Wirtschaft wertvolle Hinweise über ihre soziale und altersmäßige Struktur und lassen sich in der Fußgängerzone ihre persönlichen Daten für ein paar Gewinnspiel-Glasperlen abschwatzen.
Es dürfte schwierig sein, diese Klientel für einen Boykott der geradezu analogen Form des Datensammelns zu gewinnen.

Auf der anderen Seite scheinen mir auch die Argumente pro Volkszählung so rührend naiv, dass nicht nur Verschwörungstheoretiker dahinter ganz andere, finstere Absichten vermuten könnten. Ich soll demnach wirklich glauben, die Zählung diene dem Ermitteln von nötigen Kindergartenplätzen und Prognosen über das künftige Verkehrsaufkommen? Hmm, im 21. Jahrhundert sollte es dafür auch andere Mittel geben als mich in der Wohnküche mit einem Fragebogen zu löchern...
Und mit den Prognosen ist das so eine Sache: Schließlich ging man in den 50er Jahren auch davon aus, dass wir im Jahre 2000 alle einen Individualhubschrauber mit Protonenantrieb bewegen würden und das Essen in Pillenform gereicht würde.

Was bleibt, ist Mißtrauen - in die Kraft der Proteste und in die Notwendigkeit der Volkszählung.

Keine Kommentare:

Kommentar posten