Freitag, 4. Februar 2011

Die schweigernde Mehrheit


Vom Zeitungsständer brüllt es mich an: "Endlich spricht mal einer Klartext!" Das Zentralorgan der Hysterie (vier große Buchstaben) feiert den, äh, Darsteller Til Schweiger für seinen Auftritt in der Sendung von Markus "Darüber wird noch zu reden sein" Lanz zum Thema "Kinderschänder". 

Herr Schweiger äußerte sich laut Zeitung  über das schreckliche deutsche Gutmenschentum, das stets nur die Täter und nie die Opfer im Blick habe.  Er plädierte für den elektronischen Pranger, wie er in den USA üblich sei, bei dem via Internet der Aufenthaltsort von Sexualstraftätern bekanntgegeben wird. Und wie bestellt schlug er einen Bogen zum Lieblingsprojekt der Boulevard-Scharfrichter aus Hamburg: Til Schweiger bezog sich auf die handwerklich und juristisch umstrittenen TV-Sendung "Tatort Internet", der die hauptberufliche Ministergattin Stephanie zu Guttenberg quasi-amtliche Weihen verschaffte.

Unter der sarrazinesken Zwischenüberschrift "Bild dokumentiert die mutigen, persönlichen Aussagen des Filmstars" heißt es:

„Was ich so schlimm finde ist, dass wir in Deutschland, wenn es so eine Sendung gibt wie ‚Tatort Internet‘ (auf RTL 2, Anm. der Red.), reden alle nur darüber, wie böse das ist, dass man potenzielle Täter gepixelt im Fernsehen zeigt."

Mutig? In der Tat: Mit voller Absicht Unsinn vor einem Millionenpublikum zu verbreiten, erfordert Mut. Wenn das Zitat korrekt ist, sagt es alles aus über das Rechtsempfinden von Herrn S. und seinen Kumpanen in der Bild-Redaktion. Dass es ein rechtsstaatlicher Grundsatz ist, Straftaten nicht einfach unterstellen zu können, sondern beweisen zu müssen, interessiert diese Neo-Volksempfindler nicht. "Potenzielle Täter" sind wir per definitionem nämlich alle. Auch Herr Schweiger.

Aber vielleicht hat die politische Paranoia (Vgl. "Deutschland schafft sich ab"et al) nun endlich einen optisch medientauglichen Protagonisten gefunden. Einen, der es schon geschafft hat,  mit exakt einem einzigen Gesichtsausdruck als Filmstar zu gelten. Ich schlage vor, Herrn Schweiger demnächst nur noch als "potenziellen Schauspieler" zu bezeichnen.

Und ihn im Internet in eine Liste aufzunehmen, in der Menschen an den Pranger gestellt werden, die das Grundgesetz nicht kennen.

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