Freitag, 18. März 2011

Die effiziente Gesellschaft und ihre Feinde


Als ich noch rauchte (also letzte Woche), traf ich mich oft zum philosophischen Fünf-Minuten-Gespräch mit Kollegen auf eine Zigarette. Wiederkehrender Tenor: Die Einordnung alltäglicher Schrecknisse in den Kontext des Großen Ganzen. Beispiele gefällig? Lokführerstreik (letzte Woche), Schneechaos (letztes Weihnachten), Hitzewelle (letzten Juli), Vulkan (letztens auf Island) etc. All diese Dinge führten sicher nicht nur bei uns in der Raucher-Stigma-Ecke zu angeregten Gesprächen, nein, sie dürften den politischen Frühstücks-Diskurs an ungezählten anderen Orten dominiert haben.

Auffällig: Durch Ereignisse wie die oben benannten ist man nahezu täglich gezwungen, sich kopfschüttelnd über Kleinigkeiten aufzuregen (es sind Kleinigkeiten, selbst wenn man wegen eines Vulkanausbruchs einen Flieger verpasst - das ist nicht existentiell wichtig). Und Aufregung über Kleinigkeiten - das ist natürlich spießig und uncool.

So wie der gesamte moderne Kapitalismus. Denn der behauptet zwar, die beste aller Welten zu sein und ein ungeschlagener Effizienzweltmeister obendrein - aber in Wahrheit ist er ein ängstlicher Spießer, der sofort weiß, dass seine Welt buchstäblich aus den Fugen gerät, wenn die Bahn unpünktlich ist. Und aus den Fugen gerät sie dann ja auch.

Wie effizient also ist so ein System, in dem alle Zusammenhänge extrem auf Kante genäht sind? In dem schon ein Schmetterlingsflügelschlag ausreicht, um alles durcheinanderzubringen (von Tsunamis ganz zu schweigen)?

Just in Time-Produktion. Die Autobahn als Lagerhaus. Lean Management. Technikfetischismus: Züge, die 300 km/h fahren können - aber nur für wenige Kilometer. Und im Sommer ohne Klimaanlage. Luftverkehr, der durch Mangel an Enteisungsmittel im Winter nicht luftverkehren kann. Automotoren, die unter -5 Grad Celsius einfrieren.

Das Effizienzdenken bringt es mit sich: Alles ist komplett durchrationalisiert und in einer Exceltabelle aufgelistet. Das heißt: Alles ist ausschließlich nach monetären Gesichtspunkten beurteilt. Und deshalb funktioniert alles nur unter optimalen Bedingungen. Aber das Leben ist niemals optimal, sondern einfach böse, hinterhältig und gemein. Das Leben ist Gott, der nicht würfelt, und Osama Bin Laden, der nicht rational ist.

Es besteht aus Lokführerstreiks, Kragenschmutz, Glatteis, Gefrierbrand und Vulkanausbrüchen. 



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