Er hat es ja wirklich oft genug krachen lassen, der gute Lemmy. Laute Musik, Whisky und Groupies. Jetzt hat er sich in einer französischen Provinzkneipe zur Ruhe gesetzt, trinkt gelassen Bier und riskiert höchstens noch einen Blick auf die propere Bedienung. Wer sagt denn, dass man im Alter auf einmal uncool werden muss?
Montag, 7. Februar 2011
Sonntag, 6. Februar 2011
Der dunkle Grenzbezirk (4)
Mühsam komme ich zu mir. Irgendetwas hat mich geweckt. Fußgetrappel auf der Straße, rennende Menschen, laut redend. Redend? Sie brüllen. Jetzt bin ich ganz da, schaue auf den Wecker: 2.45 Uhr.
Draußen: Hysterisch kreischende Frauen und aggressive Männchen im gewalttätigen Balzritual. "Du hast meine Frau angemacht, Du Spast!" - (hohe Mädchenstimme: "Marcus, Du BLUTEST!!") - "Lass mich in Ruhe, Du Pisser!" undsoweiterundsofort.
Sie kloppen sich und für einen Moment überlege ich, die Bullen zu rufen. Weniger wegen meinem Nachtschlaf als wegen der Möglichkeit, dass sich die Testosteron-Jugend im Kampf nicht an die Grenzen des guten Geschmacks und der sportiven Fairness hält. Beruhigend: Gerade klingt es nach Schulhofprügelei, nicht nach Ultimate Fighting. Ich liege immer noch im Bett, aber die Szene spielt sich direkt unter meinen Schlafzimmerfenster ab - so bekomme ich einen erstklassigen akustischen Eindruck vom Geschehen.
Ich beschliesse, den Dingen ihren Lauf zu lassen, und in der Tat ebbt die Geräuschkulisse langsam ab. Vielleicht sind die Herren auch zu betrunken für einen längeren Zwist. Die Damen keischen noch ein paar mal und der offenbar Unterlegene Marcus füllt die Nacht mit Verwünschungen und genaueren Beschreibungen des Bildungsniveaus seines Kontrahenten.
Dann herrscht wieder Sonntagsruhe. Der Wecker zeigt 3.12 Uhr.
Nicht von Pappe - oder doch?
Paper Guns: Eine Waffe als Kunstobjekt - der Designer Martin Postler macht aus der mörderischen AK47, jenem Sturmgewehr, das seit Ende der vierziger Jahre bei Terroristen, Separatisten, Aufständischen und Gangsterrappern sehr beliebt ist, einen friedlichen Bastelbogen. Nun kann man sich den Schiessprügel ganz gemütlich am heimischen Küchentisch aus Papier im Maßstab 1:1 nachbauen. Das Motto dabei: If you're gonna play with guns, use paper ones!
Was auf den ersten Blick arg britisch und eventuell geschmacklos wirkt, hat doch einen kunsttheoretisch durchdachten Hintergrund. Der "Klappentext" des bei Amazon erhältlichen Bausatzes erklärt:
Martin Postler und Ian Ferguson bilden die multidisziplinäre Londonder Design Agentur Postlerferguson. Sie haben sich mit der Geschichte und der Ästhetik, sowie der morbiden Verführungskraft von Waffen auseinandergesetzt. So lösten sie die berüchtigte AK-47 von ihrer schrecklichen Funktion und zerlegten sie zu einem Bausatz aus Papier. Beim Zusammenbasteln beschäftigt sich der Käufer des Bausatzes unweigerlich mit der Kalaschnikow und ihrer Bedeutung - historisch und persönlich.
Samstag, 5. Februar 2011
Familie Chapman beschwert sich
Hey, manchmal entdecke ich in meinem hohen Alter doch noch Musik, die mich aufhorchen lässt. Unlängst geschehen an einem auf dem Sofa verdösten Abend, als aus dem Empfangsgerät (ja, das gute alte analoge Radio!) ein Stück der Chapman Family dröhnte: "Anxiety", ein Stück britischer Popmusik, das von Kennern der Materie bereits als "ein bißchen wie Morrissey, nur mit Eiern" beschrieben wurde. Zu Recht. Lasst euch von der kaspermäßigen Bemalung der Video-Charaktere nicht beirren, die Band hat es eigentlich gar nicht nötig, auf so einen optischen Unsinn zu setzen:
Und böse sind sie auch noch. Bandleader Kingsley Chapman kann jedenfalls ganz schön austeilen:
" It sickens me to think that we live in a country where people seriously think that Take That are a credible band. We're a nation of stupid, gullible, arrogant fools who have become foolish enough to fall for every marketing trick in the book, no matter how transparent. (...) But really, can "political popstars" still have a place in a society overrun with greed, insincerity, confusion and self indulgence? Can they find a relevance? Why should we listen to them anyway, who really needs a million new versions of fucking Bono?"
" It sickens me to think that we live in a country where people seriously think that Take That are a credible band. We're a nation of stupid, gullible, arrogant fools who have become foolish enough to fall for every marketing trick in the book, no matter how transparent. (...) But really, can "political popstars" still have a place in a society overrun with greed, insincerity, confusion and self indulgence? Can they find a relevance? Why should we listen to them anyway, who really needs a million new versions of fucking Bono?"
Nuff said.
Freitag, 4. Februar 2011
Die schweigernde Mehrheit
Vom Zeitungsständer brüllt es mich an: "Endlich spricht mal einer Klartext!" Das Zentralorgan der Hysterie (vier große Buchstaben) feiert den, äh, Darsteller Til Schweiger für seinen Auftritt in der Sendung von Markus "Darüber wird noch zu reden sein" Lanz zum Thema "Kinderschänder".
Herr Schweiger äußerte sich laut Zeitung über das schreckliche deutsche Gutmenschentum, das stets nur die Täter und nie die Opfer im Blick habe. Er plädierte für den elektronischen Pranger, wie er in den USA üblich sei, bei dem via Internet der Aufenthaltsort von Sexualstraftätern bekanntgegeben wird. Und wie bestellt schlug er einen Bogen zum Lieblingsprojekt der Boulevard-Scharfrichter aus Hamburg: Til Schweiger bezog sich auf die handwerklich und juristisch umstrittenen TV-Sendung "Tatort Internet", der die hauptberufliche Ministergattin Stephanie zu Guttenberg quasi-amtliche Weihen verschaffte.
Unter der sarrazinesken Zwischenüberschrift "Bild dokumentiert die mutigen, persönlichen Aussagen des Filmstars" heißt es:
„Was ich so schlimm finde ist, dass wir in Deutschland, wenn es so eine Sendung gibt wie ‚Tatort Internet‘ (auf RTL 2, Anm. der Red.), reden alle nur darüber, wie böse das ist, dass man potenzielle Täter gepixelt im Fernsehen zeigt."
Mutig? In der Tat: Mit voller Absicht Unsinn vor einem Millionenpublikum zu verbreiten, erfordert Mut. Wenn das Zitat korrekt ist, sagt es alles aus über das Rechtsempfinden von Herrn S. und seinen Kumpanen in der Bild-Redaktion. Dass es ein rechtsstaatlicher Grundsatz ist, Straftaten nicht einfach unterstellen zu können, sondern beweisen zu müssen, interessiert diese Neo-Volksempfindler nicht. "Potenzielle Täter" sind wir per definitionem nämlich alle. Auch Herr Schweiger.
Aber vielleicht hat die politische Paranoia (Vgl. "Deutschland schafft sich ab"et al) nun endlich einen optisch medientauglichen Protagonisten gefunden. Einen, der es schon geschafft hat, mit exakt einem einzigen Gesichtsausdruck als Filmstar zu gelten. Ich schlage vor, Herrn Schweiger demnächst nur noch als "potenziellen Schauspieler" zu bezeichnen.
Und ihn im Internet in eine Liste aufzunehmen, in der Menschen an den Pranger gestellt werden, die das Grundgesetz nicht kennen.
Und ihn im Internet in eine Liste aufzunehmen, in der Menschen an den Pranger gestellt werden, die das Grundgesetz nicht kennen.
Donnerstag, 3. Februar 2011
Der perfekte Ort
Es gibt ein Lokal in einer westdeutschen Großstadt mit Dom, in dem ist das Leben seit 20 Jahren ein langer ruhiger Fluss. Unaufgeregt, mit Sinn für das, worauf es wirklich ankommt jenseits von Mindestumsatz und Ballermann-Freizeit-Terror. Zitat aus der Getränkekarte:
! Kein Milchkaffee !
! Keine-Schweppes-Variationen !
! Kein Whisky mit Cola oder Eis !
! Keine schlechten Longdrinks !
! Keine Lieblosen Bier-Mix-Getränke !
Klare Ansage, oder? Seit 20 Jahren gibt es all das NICHT in einem Laden, der wahrscheinlich genau aus diesem Grund so "alt" werden konnte. Der Weiße Holunder ist eine Seltenheit in einer anonymen Armee von Konzeptläden, die alle hipper sein wollen als die anderen. Heute werden ja selbst Kneipen als "Projekt" von Designern gestaltet, Innenräume perfekt durchgeplant und das Personal wochenlang gecastet.
Nicht davon in diesem Refugium des Altbewährten. Zitat: "Wir haben in den letzten 20 Jahren am Lokal nichts verändert. Moden sind nicht unser Ding." Das Wirtsehepaar hat eine andere Vorstellung von Kneipe als die Konkurrenz. Auf eine sehr kölsche Art sieht man hier die Kneipe als Kommnikationsraum, als Wohnzimmer und als sozialen Ort. Home away from home. Hier habe ich schon das ganze Spektrum menschlicher Daseinsformen getroffen: Gescheiterte Anwälte, musikalische Mediävisten, alleinerziehende Großstadtpflanzen, vielköpfige Seemannschöre und katholische Kommunisten. Und hier gab es schon immer "slow food" - Bockwurst mit Kartoffelsalat, langsam zum Bier genossen.
Hier denkt man nicht nur an die Zukunft, sondern besucht zum Jubiläum mit der gesamten Belegschaft von vor und hinter der Theke auch die verstorbenen Stammgäste auf dem Friedhof (Kein Witz!). Deshalb tauschen hier der Wirt und der Pfarrer von nebenan für einen Tag den Job: Der Wirt predigt in der Kirche und der Pfarrer schenkt an der Theke Bier aus. Deshalb trifft man hier keine Szenegänger, deren nächtliche Route sich nach dem neuesten "Prinz-Top-Guide für die angesagtesten Kult-Locations" richtet. Deshalb ist das Bier hier äußerst erschwinglich und das Rauchen erlaubt.
Und weil das alles so ist, wird in diesen Tagen anständig gefeiert. Happy Birthday, Weißer Holunder!
P.S.: Auch die strammen Sportler von Laufmonster.de würdigen den Weißen Holunder auf Ihrer Website.
Dienstag, 1. Februar 2011
Rästelhafte Aussagen
Ich stehe ein wenig ratlos vor der werblichen Aussage dieses Haarkünstlers. Irgendwie erweckt er den Eindruck, sein Metier stehe auf einer Stufe mit Landschaftsgärtnern, die Hecken stutzen...
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