Montag, 8. August 2011

Satan fährt Allradantrieb

Eine sonnige Landstraße in Süddeutschland. Sanft windet sich das graue Band durch die hügelige Landschaft bis es schließlich auf einer Kuppe in ein Waldstück einmündet, das die folgende, gut zwei Kilometer lange Gerade wie ein grüner Korridor umschließt. Leichte Steigungen und Gefälle verwandeln die Strecke in eine milde Achterbahn, die uns und unseren PKW durchschaukelt.

Das Geräusch kommt näher. 

Es kommt von hinten und ist ein dunkles Grollen, das von kurzen, abgehackten Zischlauten untermalt wird. Ein aggressiver Unterton mischt sich in die Bässe. Fragend blicken wir uns an. Was ist das? Das Etwas bewegt sich schnell, denn obwohl wir gut 100 km/h fahren, verringert sich die Distanz zwischen uns und der Geräuschquelle rasch. Der Ton ist jetzt ein wenig schriller, klingt wie ein Düsenjäger mit Nachbrenner. Und immer dieses Zischen, nein, Zwitschern. Richtig, es zwitschert. Drum'n'Bass mit nervöser Snaredrum und HiHat.

Dann plötzlich das Inferno: Ein Gelb-weißer, eckiger Kasten nimmt im Rückspiegel formatfüllende Größe an, gleichzeitig schwillt der Sound zu einem infernalischen, metallischen Kreischen mit Bauchmuskelmassagen-Tieftöner an. Keine zwanzig Zentimeter hinter der Heckstoßstange unseres Autos lauert ein wildes Tier mit Kriegsbemalung auf Beute. Es hat Hunger und wird heute einen Familienvan zum Lunch verspeisen. Und uns gleich mit. Die idyllische Straße wandelt sich in einen Highway zur Hölle, hektische Blicke, die zwischen Angst und Faszination oszillieren. Was ist das für ein KRACH?

Das Tier setzt zum Sprung an und zieht ruckartig seitlich raus, zynische Parodie eines Rennens, dessen Ausgang und Sieger längst feststeht. Als es auf der Höhe des Fahrersitzes ist, folgt dem sonoren, kreischenden, metallischen, zwitschernden Klang, den das Etwas wie eine Bugwelle vor sich hintreibt, eine Art Überschallknall, der mit seinem dumpfen Extrembass die kleine Härchen in den Gehörgängen flach hinpustet wie die Druckwelle einer Atombombe eine Holzhütte. Ein lautes Knallen als letzter Gruß, dann ist die Erscheinung vorbei - und gummibändert pfeilschnell Richtung Horizont. Ihr breiter, eckiger Hintern scheint uns mit einem abschließenden tänzelnden Ausfallschritt zu verhöhnen und es würde uns nicht wundern, wenn in all diesem Lärm ein dreckiges Lachen als akustischer Stinkefinger erklingen würde. Satan loves you.

So klingt es, wenn ein Audi S1 überholt.

Scharfes Gerät

Fahrrad mit Abwehrkette

Die gefährlichste Waffe des Kalten Krieges


Geldwäsche, Autobahnvignette, korrupte arabische Potentaten im Exil - die Schweiz hat trotz Spielzeugeisenbahnlandschaft, Heidi und Toblerone ein Imageproblem. Und ihre eidgenössischen Einwohner gelten als etwas behäbig und gemütlich. Wenn es aber um ihr Land geht, können die Schweizer ganz schön erfinderisch sein. Soviel zum Image.

Die Tourismusbehörde hört es nicht gerne, aber die Schweiz ist voll mit Bergen, die dank unterirdischer Bunkerarchitektur komplett ausgehöhlt sind, als Bauernhöfen getarnten Artilleriestellungen und  Männerkleiderschränken mit Gewehrhalterung. Das wehrhafte Volk der Eidgenossen erfand nicht nur das Raclette, sondern auch ein Trumm von einem Fahrrad, das im Falle eines Krieges der gesamten Roten Armee Kopfzerbrechen bereitet hätte: Das Militär-Velo 05.

 Das 23 Kilogramm schwere Fahrrad kam bei der Radfahrertruppe der Schweizer Armee zum Einsatz (allein diese Truppengattung ist im Zeitalter von lasergesteuerten, unbemannten Kampfdrohnen so herrlich anachronistisch wie ein Plattenspieler im Mediamarkt) und wurde von 1905 bis 1989 nahezu unverändert gebaut. In Einheitsgröße von 57 cm Rahmenhöhe war es das Appenzell-Innerrhoden unter den Fahrrädern - robust, bodenständig und atomkriegsresistent.

Ab 1993 gab es ein Update mit dem Namen - richtig! - Modell 93. Das sah schon fast nach 21. Jahrhundert aus, kam aber mit einer Bauzeit von nur drei Jahren nicht an den Großvater aller Militärräder heran. So ist das eben in der Schweiz: Modische Neuerungen werden hier geprüft, begutachtet und - manchmal für zu leicht befunden.

Deshalb dürfen Frauen in Appenzell-Innerrhoden auch erst seit 1990 wählen.

Donnerstag, 4. August 2011

I fought the law (and the law won)


Vor vielen Jahren, als die Sendung in Deutschland noch nicht lief, landete ein Tape der holländischen Version von "Big Brother" auf meinen Schreibtisch, verbunden mit der Bitte einer Einschätzung. Ich sah mir das im besten niederdeutsch ablaufende Treiben im Oranje-Container an und kam zu dem Schluss, so ein Scheiß interessiere keinen Zuschauer, der auch nur einen Funken Selbstachtung in sich trage.

Als das Internet aufkam, sah ich in ihm eine willkommene Ergänzung des journalistischen Handwerkszeugs, war aber durch die rumpelnde Performance und die unübersichtliche Seitengestaltung der einzelnen Sites der Meinung, dieses Netzgedöns werde sich als ernstzunehmende Alternative zu Zeitschriften, Zeitung und TV nie durchsetzen.

Als die ersten Navigationssysteme in den Autos Einzug hielten, lobte ich die genuin männliche Fähigkeit des Kartenlesens. (Frauen fragen bekanntlich nach dem Weg, Männer müssen sich aus entwicklungsbiologischen Gründen stets alleine durchschlagen. Sagen Männer.)

Während um mich herum junge Menschen vor dem Kadi landeten, weil sie illegal MP3-Dateien aus dem Netz runtergeladen hatten, stellte ich immer noch Mixtapes auf Chromdioxid-Cassetten für angebetete weibliche Wesen zusammen. Der Erfolg war überschaubar, spätere Heirat ausgeschlossen.

Handys waren für mich lange Zeit eine Quelle für potentiellen Ohrenkrebs und somit abzulehnen. Ich betrieb ein altes Bakelittelefon mit Wählscheibe.

Ich besitze immer noch einen Röhrenfernseher.

Ich tanke kein E10.

Ich schreibe Briefe mit der Hand.

Warum ich das alles erzähle?   Ich bin jetzt bei Facebook.


 

Mittwoch, 3. August 2011

Die Erwartungen des Publikums oder: Enjoy the silence!

Das Schreiben ist ein seltsamer Prozeß: Mal sprudeln die Worte heraus, mal wird der Wortfluß zum armseligen Rinnsal. Und manchmal versiegen die Wortwellen komplett.

Es sind nicht immer emotionale oder geistige Faktoren, die zum Verstummen führen, sondern schlicht und einfach berufliche Zusammenhänge, die es nicht zulassen, das geneigte Blogpublikum mit neuen Verbkaskaden aus der Wortwerkstatt zu verwöhnen.

Aber: I'll be back! Der Tuwort-Terminator und Alliterations-Android holt nur kurz Luft, lädt den Akku auf und wird schon bald wieder auf einer Duden-Edition zu den Klängen von Metallica durch die postapokalyptischen Trümmerlandschaften der Jetztzeit reiten.

Bis dahin: Lautsprecher bitte voll aufdrehen und - enjoy the silence!