Freitag, 19. Oktober 2012

Abwärts.

Quelle: DWDL

Gute Nachrichten zum Wochenende: Das Böse verliert manchmal eben doch. Und sei es an Auflage.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Abschied von gestern.

1982: Als die Zukunft noch silber war.
Ich möchte mein Leben aufräumen. Mich von Ballast befreien und Überflüssiges loswerden. Liegt wohl am Alter. Aber keine Angst, ich werde nun nicht in Schwitzhütten nach dem Sinn vonnet Janze suchen und ich werde auch nicht Buddhist, Scientologe oder Christ. Und bei den Mormonen und Moslems gefällt mir nicht, dass sie was gegen Alkohol haben.

Nein, man soll ja mit den kleinen Dingen anfangen. Den Müll runterbringen, die Sanifair-Gutscheine von den Autobahnraststätten endlich einlösen - oder seine CD-Sammlung digitalisieren. Schließlich nehmen die silbernen Tonträger ziemlich viel Platz weg in meiner bescheidenen Hütte und intensive statistische Analysen haben ergeben, dass ich seit dem Erwerb eines iPods nur ungefähr dreieinhalb Minuten jährlich eine CD in den letzten im Haushalt verbliebenen Player einlege. Download rules okay, inzwischen auch bei mir. Deshalb habe ich beschlossen, die ganzen Bits und Bytes via iTunes auf einer externen Festplatte zu speichern und den physisch neu gewonnen Platz anderweitig zu nutzen. Dort könnten dann zum Beispiel meine Platten stehen, die ich selbstredend NIE verkaufen werde. (Ein Veräußern der Vinylschätze wäre in etwa so, als würde man mir die Erinnerung an die Pubertät nehmen ...vielleicht doch keine schlechte Idee?).

Anyway, die Silberlinge sind zum Abschuss freigegeben. Aber wenn ich ehrlich bin, beschleicht mich beim Digitalisieren doch ein seltsam nagendes, unwohles Gefühl. Im Herzen bin ich ja ein mechanischer Mensch und sämtliche digitalen Medien (insbesondere wenn sie von einem Herrn Jobs verantwortet werden/wurden) geniessen mein allertiefstes Misstrauen. Denn: Stromausfälle, Feuersbrünste, Datenverlust, der Iwan kommt - kann alles passieren. Sollte die Hütte hier abfackeln, könnte ich die CDs zur Not hustend mit mir drei Treppen hinunter schleppen (was praktisch andererseits undurchführbar wäre, weil meine Arme schon mit den wichtigsten LPs voll ausgelastet wären), an eine Festplatte würde ich im Notfall nie im Leben denken.

Trotz all dieser Zweifel habe ich nun angefangen, die gesamte, bei mir auf kompakter Scheibe vorhandene Musikgeschichte seit der letzten Eiszeit in das Reich des Apfels zu überführen. Das Schöne dabei: Man entdeckt viele gute Werke und Songs wieder. Den Doppel-CD-Sampler "Down To The Promised Land - Five Years Of Bloodshot Records" habe ich schon seit 2003 nicht mehr gehört, ebenso Burning Spear, Red Star Belgrade oder die Raubkopie einer Culture-CD, die ich einst auf Barbados beim Schwarzbrenner (no pun intended!) meines Vertrauens erwarb. Der frühe Elvis taucht wieder auf, Northern Soul erlebt ein ganz persönliches Revival und alte Fugazi-Kracher begeistern mich ebenso aufs Neue wie das Gesamtwerk der Aeronauten. Kurz: Allerhand Obskures erhebt die musikalische Stimme - und ich wanke schon wieder, ob ich derartige Schätze wirklich meistbietend an MOMOX und Co verscherbeln soll. 

Falls ich es tue, kaufe ich mir vom Erlös ein paar heiße Scheiben.



Montag, 15. Oktober 2012

Altersmilde?


Wenn ich mir die - zugegebenerweise: recht überschaubaren - Posts der letzten Zeit in diesem Blog so ansehe, dann fällt mir auf, dass ich mich schon lange nicht mehr aufgeregt habe. Dabei rauche ich gar keine HB.

Mein neuerdings friedliebendes Blog-Gemüt ist unter klicktechnischen Aspekten übrigens durchaus kontraproduktiv. Die Statistik beweist nämlich, dass ich meine größten Erfolge mit Beiträgen eingefahren habe, in denen ich mich wut- und wortgewaltig bemühte, dem tagtäglichen Irrsinn eine schriftliche Ausdrucksform zu geben: Korrupte Bundespräsidenten, unfähige Servicekräfte, lautstarke Nachbarn, miefige Kleinstädte - all das scheint bei den Lesern und Leseretten als Thema durchaus anzukommen.

Ich schneide mir also ins eigene Erfolgsfleisch (wenn man denn Erfolg so definieren möchte), seit ich auf der Blumenwiese des Lebens nicht nur die Stinkmorcheln, sondern auch die hübschen Gewächse entdeckte.


Dabei gäbe es genug der Erstgenannten, die meinen heiligen Zorn verdient hätten. Ich könnte beispielsweise den Alternativ-Sarrazin geben und mich über die populistischen Themen a la mode ereifern: Warum ein Innenminister via Springerpresse das wenig beneidenswerte Schicksal mazedonischer und serbischer Sinti und Roma als nur wenig verschleiertes Anti-Ausländer-Thema ausruft und mal wieder "Das Boot ist voll!" raunt. Warum ein Umweltminister mir weismachen möchte, der Strompreis müsse eben weiter steigen, aber bitteschön nur für mich und nicht etwa für die Aluminiumindustrie. Auf die Idee, den Atomverbrechern ein bißchen ihrer Milliardengewinne abzunehmen, kommt dieser Mensch nicht, der übrigens aussieht wie eine Kreuzung aus Helmut Kohl und dem späten Dieter Krebs als Sketch-Charakter. 

Ich könnte mich trefflich ereifern über Markus Lanz im Trikot von Fortuna Düsseldorf (Argh!), Lance Armstrong als Totengräber des Radsports oder über den Deppen, der meine Garage zuparkt und dann einfach verschwindet. Oder über Urteile zur Beschneidung von Kindern, die mich daran zweifeln lassen, ob zweihundert-und-ein-paar Jahre Aufklärung wirklich stattgefunden haben.

Tue ich aber nicht, und ich weiß jetzt auch, wieso: Die Idioten sind leider in der Überzahl.

Samstag, 13. Oktober 2012

è pericoloso sporgersi.

Nein, gefährlich war es nicht. Trotz Tapiren, Geckos, zweier Affen, Bussarden, Hähnen und Hühnern. 2700 Kilometer durch vier Länder, Destination Lungomare.


Deutschland als graues Autobahnband, Frankreich als kulinarischer Zwischenstopp, die Schweiz wie gewohnt im Eisenbahnmaßstab 1:87 und einem nebeligen Gotthard-Pass (SELBSTVERSTÄNDLICH sind wir oben rüber und nicht durch den Tunnel!), Italien im Herbst mit 27 Grad und Regenschirme verkaufenden illegalen Strandhändlern. Wir in Badekleidung, den angebotenen Daunenjacken (!) verständnislos entgegenblickend vor dem nächsten kühlenden Gang ins Meer.

Die Kosten dieses partiell surrealen Vergnügens? Ein neuer Keilriemen, 85 Euro beim netten rallyefahrenden Werkstatt-Trupp am Flußufer, inklusive Vorzugsbehandlung und V.I.P.-Kaffee: Buon Giornata!  Ansonsten - Eindrücke, Kultur, Mückenstiche, sympathische Menschen und finstre genuesische Gassen. Nein, Schuhe habe ich nicht gekauft, trotz eines verwirrend vielfältigen Angebots:


Aber hochwertige Rasierprodukte und Schreibutensilien. Und natürlich Wein und Köstlichkeiten. Die gab es auch im ligurischen Teilzeit-Heim mitten im Olivenhain, dessen Zufahrt so steil war, dass der großstadtverwöhnte Mittelklasse-PKW sich nun offiziell Off-Roader nennen darf und stolz ein paar Schrammen an der Frontschürze als Andenken mit nach Hause bringt.

Leute, fahrt nach Italien, lernt, zu leben, bei Rot über die Ampel zu gehen und rechts zu überholen!




Samstag, 29. September 2012

Pause.


Bin mal eben für 336 Stunden bei der Olivenernte. Solange unterhält sie das restliche Internet. Demnächst läuft hier wieder das normale Programm.

Donnerstag, 27. September 2012

Schwerlastverkehr.

Ich war ein paar Tage außer Landes. Ich habe gut gegessen und schlecht geschlafen in einem benachbarten Land mit gefühlten 1.876 Käsesorten. Und ich habe ein Fahrrad gekauft, aus einem anderen Land mit gefühlten 1.876 Berggipfeln.



Ich erwähnte es bereits an anderer Stelle - das schweizerische Militärvelo (Bauzeit in nahezu unveränderter Form: 1905 bis 1988) ist der Unimog unter den Fahrrädern: Nicht schnittig, aber robust. So ein Velo lief mir nun vor das ausgabenbereite Portemonnaie, mit dem Baujahr 1941 über siebzig Jahre alt, doch in gutem und funktionsfähigem Zustand. Quasi mit Vollausstattung: Drei (!) Bremsen, Werkzeugset in der Ledertasche, funktionierendes Speichenschloss mit Schlüssel. Und der Preis war ein Witz.

Das Velo hat eine Hinterrad-Trommelbremse, damit die schwer beladenen Angehörigen der Schweizer Radfahrertruppen bei der Abfahrt von den steilen Gipfeln der alpinen Welt auch rechtzeitig wieder zum Stehen kamen. Wie die schwer beladenen Angehörigen der Schweizer Radfahrertruppen allerdings die steilen Gipfel der alpinen Welt mit diesem 23 Kilogramm schweren Velociped ohne Gangschaltung erklimmen konnten, wird mir für immer ein Rätsel bleiben.

Dienstag, 11. September 2012

Budenzauber aus dem Hotkoffer.

Zu Günter Discher kam ich über John Peel. Die DJ-Legende spielte Ende der 90er im britischen Armeesender BFBS mehrere Stücke aus dem Sampler "Budenzauber", einer streng subjektiven Auswahl von Swingstücken, die eben dieser Günter Discher zusammengestellt hatte. Peel sprach den mit harten Konsonanten durchsetzten deutschen Titel der Compilation sehr weich und unmilitärisch aus: "Buudensaubär" - und erwies damit Discher eine Referenz, die ihm bestimmt gefallen hat.

Günter Discher gehörte zur Hamburger Swing-Jugend der 30er Jahre: Junge, eitle Schnösel mit Sinn für Stil, vergleichsweise langen Haaren und einem Faible für die "entartete Neger-Musik", die in der durchfomierten Volksgemeinschaft der Nazis keinen Platz haben sollte. Die Helden der Swing Kids hießen Count Basie, Duke Ellington oder Benny Goodman.  

"Swingmusik war Freiheit - grenzenlose Freiheit", so zitiert die Plattenfirma Ceraton Günter Discher, und diese Freiheit war in Deutschland damals verdächtig. 1942 wurde Discher verhaftet und blieb bis zum Kriegsende in einem Jugend-KZ, weil er "durch sein zersetzendes und staatsabträgliches Treiben erhebliche Unruhe in die Bevölkerung" trage. 

In einer Zeit von Marschmusik, gebellten Parteitagsreden und einer durchgehenden Militarisierung der ganzen Gesellschaft war Swing und der damit verbundene, als wild und gefährlich empfundene Individualismus eine Bedrohung für die braunen Dumpfbacken. Was nur beweist, wie verwundbar (und deshalb besonders gefährlich) eine Regierung war, die vor der Macht der Noten Angst hatte. Die Begründung für das Vorgehen gegen Swing war allerdings nicht politisch, sondern - natürlich - rassistisch: „Und nun stellen wir uns vor, daß zu dieser Musik deutsche Menschen, gesunde deutsche Mädel und Burschen nicht nur der Großstädte, sondern auch der kleineren Gemeinden schieben und schieben und sich dessen nicht bewusst werden, daß sie sich damit den körperlichen Bewegungsimpulsen jener uns artfremden, rassisch und undefinierbaren Menschenmasse angleichen." Max Merz, 1940.

 
Günter Discher widmete auch nach dem Krieg der Musik seines Herzens die volle Aufmerksamkeit: Mühevoll baute er seine verlorene Plattensammlung wieder auf, die am Ende gut 25.000 Schellack-Schätze enthielt. Und er verbreitet das Evangelium des Swing: Als "Deutschlands ältester DJ" legte er überall dort auf, wo seine Musik willkommen war, brachte seine eigene CD-Serie heraus und wurde zum gefragten Zeitzeugen eines anderen, besseren Deutschlands. Am letzten Samstag war er erneut unterwegs in Sachen "Hotkoffer" (so nannte er den mobilen Plattenspieler, der ihm in den 30er Jahren als Soundsystem diente), und wieder animierte er sein Publikum mit den Worten: "Es darf getanzt werden! Ich bitte sie aber, nicht das Mobiliar zu zerstören."

In der Nacht zum Sonntag ist Günter Discher mit 87 Jahren gestorben.