Sonntag, 26. Februar 2012

Mannsbild

Ich habe es nicht leicht. Ich bin ein Mann. Eine Ein-Mann-Selbsthilfegruppe, sozusagen. Bis jetzt ging ich recht gedankenlos durch die Welt, was meine Rolle als Mann anging, aber aus zwei verschiedenen Ecken kamen jetzt innerhalb kurzer Zeit gewisse, nun ja, Denkanregungen (vorsichtig formuliert) zu diesem Thema.


Ich bin jetzt zu faul, es exakt zu recherchieren, aber vor einigen Wochen beschwerten sich auf "Spiegel"-Online junge Frauen darüber, dass die Männer von heute nicht mehr männlich genug seien und in ihrem Bemühen um fortwährendes Gutmenschentum die Work-Life-Balance der aufstiegsorientierten, selbstbewußten Frauen von heute gehörig durcheinander brächten. Sie - die Frauen - wollten keine brummbärig-gutmütigen Kurt Becks der Libido in ihren Designerbetten, sondern endlich mal wieder knorrige Kerle, die eine 45er Magnum blind auseinander- und wieder zusammensetzen könnten. (Ich übertreibe, aber Polemik ist nun mal my middle name). So weit, so langweilig. In der testosteronstrotzenden "Spiegel"-Redaktion dürfte die Rundumkritik am aktuellen Mannsbild wohlgelitten gewesen sein. Ich jedenfalls las dieses reaktionäre Manifest und wandte mich wieder der harten Kärrnerarbeit im Beziehungsbergwerk zu, bevor ich am Stammtisch politisch korrekte Witze ohne Pointe zum Besten gab.


Heute dann eine neue Forderung aus dem Hause "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Das Feuilleton tönt im Aufmacherartikel: "Männer, werdet weich!" - und ich bin verwirrt. Ralf Bönt, seines Zeichens promovierter Physiker, hat ein Buch geschrieben und die F.A.S. stellt es in besagtem Artikel vor: "Das entehrte Geschlecht. Ein notwendiges Manifest für den Mann". Oh je, denke ich, wieder so ein Selbstbezichtigungsbuch aus der Therapeutenecke, das in einem halben Jahr für ein paar Euro auf dem Ramschtisch landen wird. Aber egal: Bönt tauchte auch schon in einem anderen Artikel der FAZ auf, der sich ebenfalls mit den Rollenfragen und -spielen der modernen Gesellschaft beschäftigte.

Ralf Bönt plädiert - stark verkürzt - für eine Pause im femininen Anspruchsdenken. Nicht aus Gegnerschaft zum Feminismus, sondern weil Bönt spiegelbildlich zur Manifestation weiblicher Bedürfnisse/Forderungen/Wünsche auf männlicher Seite eine entsprechende Leerstelle entdeckt haben will: Es gibt keinen Diskurs darüber, was heute männlich sein kann/darf/soll - nicht mal unter Männern. Die definierten sich immer noch zum größten Teil über ihre Arbeit, aber jenseits von Karrieremustern gäbe es für Männer von heute keine ideologischen Guidelines, an denen sie sich entlanghangeln könnten und die sie gegenüber den Frauen offensiv vertreten könnten. Nebeneffekt: Deshalb könnten viele Männer auch mit den dargebotenen Männerrollen und Ästhetiken zum Beispiel aus der Modewelt (metrosexuell, retrosexuell, homosexuell) nicht souverän umgehen.

Puh. Das klingt nach Gehirnjogging. Aber schauen wir mal genauer hin: So intellektuell reizvoll derartige Gedanken sein mögen, so wenig sehe ich eine Verbindung zum Lebensalltag der meisten Männer - und das hat Bönt dann mit den aufgeregten "Spiegel"-Weibchen gemeinsam. Ich als Selbsthilfegruppe stehe mit Unverständnis vor einer selbst aufoktroyierten Identitätsdebatte: Sie ist für mich persönlich überflüssig. Man(n) tut halt sein Bestes - ganz unglamourös und ohne den Hauch einer spezifischen Männlichkeitsideologie. Das heißt, man ist weder dem RTL2-Frauenbild eines Lothar Matthäus verhaftet, noch begreift man sich als latzhosentragender Frauenversteher mit der sexuellen Attraktivität eines Reiner Calmund. Um im Fußball-Umfeld zu bleiben: Mein Role Model ist jemand wie Jürgen Klopp, der einerseits kämpferisch-zotig daherkommen kann, aber auch witzig und gefühlig. Und dabei nie rasiert ist.

Mehr muss es dann auch nicht sein. Ich möchte keinen Vietnam-Kongreß mit einem Männlichkeits-Rudi Dutschke abhalten müssen, um meinen Platz in der Gesellschaft und Partnerschaft zu finden. Die Analyse von Bönt mag richtig sein, aber sie ist die Lösung für ein Problem, das ich nicht habe. Und die Männer, die ich kenne, auch nicht (gut, von denen wohnt auch keiner in Berlin-Mitte). Sie alle sind Familienväter, Ex-Ehemänner, Lebenskünstler, liebende Väter und Stehplatz-Besucher - mit anderen Worten: Diejenigen, die sich durchaus bemühen, ein aufgeklärtes Verhältnis zu ihrer Männlichkeit zu haben, ohne deswegen zu Maskulinitäts-Stalinisten zu werden. Sie sind nicht selbstgerecht, nur pragmatisch.

Wie sangen einst die Aeronauten durchaus selbstironisch zum Geschlechterverhältnis: "Ihr wollt nur über alles nachdenken / und Lösungen finden / ich will nur stumpfen Mist im Fernsehen sehn / und mich moderat betrinken." Zur Not eben in der Ein-Mann-Selbsthilfegruppe.

Kommentare:

  1. mein kleiner west-wohnbezirk wurde übrigens vor einigen jahren mit dem erwähnten doofen "Mitte" zwangsvereinigt (natürlich gegen meinen willen, aber hier fragt man ja bekanntlich niemanden!) ... nur so nebenbei ;-)
    gehe davon aus, daß dir das NICHT bekannt gewesen ist .. ODER ETWA DOCH???

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    1. Nein, das war mir nicht bekannt. Aber es ist ja sowieso überall dasselbe: Mitte - das sind immer die anderen!

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  2. Schöne Polemik! Trifft für mich ins Schwarze. Diese penetranten - persönlichem Geltungsdrang und/oder schlichter Geldgeilheit entsprungenen - Theorie-Überhänge in Artikel- oder, wenn's schlimm wird, Buchform: sie mögen ja mitunter nett klingen und sich auch streckenweise gefällig durchblättern lassen.

    Praktische Relevanz haben sie jedoch ungefähr soviel wie eine "Brigitte" vom vorvorletzten Sommer. Null, nada, niente.

    Schade ums Papier und die CO2-Bilanz. Es gibt halt einfach zuviel von dem Kram: Magazine, Journale, Illustrierte, Zeitschriften, Printhäuser, Redaktionen, Verlage, Rubriken, Themenseiten, Autoren, "Kreative", Agenten. Heiße Luft...

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    1. Nun ja, zuviel Geschriebenes gibt es in meinen Augen nicht. Sonst müsste ich ja hier zumachen. In diesem Punkt bin ich - ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit - ein marktliberaler Schnösel: Deshalb ja auch der Verweis auf den Ramschtisch.

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    2. Natürlich gibt's zuviel. Zigtausend Neuerscheinungen jedes Jahr - mehr im Vergleich zum Vorjahr!

      Nichts gegen die DDR selig, aber dort setzte zumindest der Papiermangel Grenzen. Übrigens viel härtere als die Zensur.

      Aber gut. Geschmackssache. Wer den Überblick behält...

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    3. In der DDR setzte die herrschende Partei die Grenzen. Und in Zeiten des Internets ist das mit dem Überblick so eine Sache - wenn das Wissen der Menschheit sich nahezu täglich potenziert, ist das ohnehin ein zu hoher Anspruch.
      Mit Büchern, Zeitschriften, Blogs und Tontafeln etc. ist es wie mit der Musik: Es geht immer darum, die Diamanten im Dreck zu finden. Man kann ausschließlich den Dreck sehen, oder man macht sich auf die Suche. My 50 Cent.

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  3. "Wenn das Wissen der Menschheit sich nahezu täglich potenziert" - das halte ich für ein Gerücht. Quantitativ mag das stimmen, aber qualitativ?

    In welchem Wissenschaftsbereich hat sich das Wissen in den letzten hundert Jahren denn "potenziert"? Selbst Medizin, Raketenwissenschaft, Nachrichtentechnik - rasender Fortschritt, gewiß, aber "jeden Tag potenziert"? An Kehlkopfkrebs sterbe ich heute noch genauso wie Kaiser Friedrich II. 1888.

    Nehmen wir etwa das Automobil. An dessen Grundkonzept - vier Räder, Verbrennungsmotor - hat sich doch seit Kaiser Wilhelm zwo bestürzend wenig verändert. Sogar das erste Elektroauto ("Victoria") rollte schon 1905 durch Berlin...

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