Freitag, 20. Januar 2012

Geburtstag


„Herbert, watt is mitte Garante?“- „Nix Garante! Gekauft wie besehen!“ Herbert war nicht in bester Verkäuferstimmung an diesem nebligen Tag irgendwann in den Achtzigern auf irgendeinem Schrottplatz am Rande der Stadt. Wir – mein Kumpel M. und ich – waren dort, um für M.s neuesten Fund aus der Reihe „Abgerockte Alltagsautos“ einen neuen Motor zu erstehen. Wobei „neu“ bei unserem schmalen Budget natürlich bedeutete, einen euphemistisch „Austauschmotor“ genannten hustenden Antrieb auf eben diesem Schrottplatz ausbauen zu lassen und in meinem ebenfalls asthmatischen Kadett in die heimatliche Werkstatt (sprich: Hinterhof) zu expedieren. Das war nämlich der Haken an M.s neuem Gebrauchtwagen: Der Motor war platt.

Das „Ausbauen“ des Alternativ-Aggregats übernahm der Schrotthändler: Auto mit Stapler vom Mount Everest der oxidierenden Alteisensammlung runterheben, auf Augenhöhe ablassen und dann mit Hilfe dreier finster blickender Spießgesellen die komplette Karosse auf die Seite kippen. Motorlager lösen und – krawäng! – plumpste der gußeisere V4 auf den schwermetallverseuchten Boden des Ausbeiner-Betriebs. Dort sammelten wir ihn auf und hievten ihn unter handelsüblichem Ächzen in den Kofferraum meines giftgrünen Opel. M. war glücklich: Sein Granada, Baujahr 1976, bekam ein neues Herz. Ohne „Garante“.

Auf dem Hinterhof meiner damaligen Freundin ging es dann an die Herztransplantation. Die Dame war angehende Kfz-Mechanikerin, ihr Vater gelernter Karosseriebauer - eine Traumkombination, die ich zu meiner Schande nie vollumfänglich nutzen konnte. Unter autotechnischen Gesichtspunkten hätte ich sie vom Fleck weg heiraten und ihren Vater mit harten Alkoholika auf meine Seite ziehen müssen, aber ach, die Flatterhaftigkeit der Jugend!

Anyway, der Ford wurde an einem langen, langen, sehr langen Wochenende wieder fit gemacht und schon bald knatterte das liebliche V4-Aggregat fröhlich durch die vorstädtische Wohnsiedlung. Kumpel M. wurde nicht müde, die Segnungen der Innenausstattung zu preisen ("Vario-Air-Düsen!) und wir fläzten uns auf den breiten Couchsesseln des roten Schlachtschiffes, während aus dem Radio die Musik dröhnte, die meine Eltern immer hassten. Apropos: M.s Freundin weigerte sich standhaft, auch nur eine Fahrt mit dem roten, äh, Renner zu unternehmen - der Granada war für sie der Inbegriff des sozialen Absturz, Symbol gesellschaftlicher Paria und eine ästhetische Ohrfeige. Es ging dann auch nicht mehr lange gut mit den beiden.

Allerdings war auch die Beziehung M.s zu seinem Türkenmobil nicht ohne Fehl und Tadel. Das lag nicht an den Vario-Air-Düsen, die den Innenraum stets klag- und geräuschlos mit Frischluft versorgten, nein, es lag an jenem Triebwerk, das wir auf dem Schrottplatz ohne "Garante" erstanden hatten - der Stoßstangen-V-Motor war leider ein verkappter Gehilfe der Erölexportierenden Länder und zeichnete sich durch exzessives Saufen aus. Und zwar von Öl. Der Verbrauch des schwarzen Goldes war so hoch, dass an guten Tagen (schlechten, besser gesagt) mehr davon durch den Motor lief als Benzin. Wo das klebrige Zeug immer blieb, wußten wir auch nicht, nur die Ölflecken vor dem M.'schen Elternhaus gaben einen zarten Hinweis.

M.s Budget war, wie gesagt, begrenzt, und die Anschaffung einer eigenen Bohrinsel überstieg seine finanziellen Möglichkeiten bei weitem. So kam, was kommen mußte: Der Granada mußte gehen. Wir haben ihn trotzdem gern gehabt, wenn wir damit fahrbiertrinkend durch Holland cruisten - eine blaue Ölfahne hinter uns herziehend und mit jener Musik im Radio, die meine Eltern immer so hassten.



Der Granada feiert in diesem Frühjahr übrigens seinen 40. Geburtstag.

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