Sonntag, 18. Dezember 2011

Der Buddhisten-Benz

Dies ist eine Abhandlung darüber, warum man die klugen Ratschläge, die man anderen gibt, niemals auf sich selbst anwendet. Ein solcher Ratschlag ist: Kaufe stets das beste Auto, das Du für Dein Geld bekommen kannst. Meide Reparatur-Staus. Kaufe immer das bessere Auto, nicht das billigere.  Mit anderen Worten: Sieh' verdammt noch mal zu, dass der Vorbesitzer die Kohle versenkt hat - nicht Du.


Die Älteren unter den Lesern werden sich erinnern: Vor ein paar Wochen erwähnte ich meine neu entflammte Leidenschaft für ein in Würde gereiftes Automobil französischer Herkunft, aber deutscher Bauart. Ein Mercedes-Benz 300 TD - ein Luxuskombi aus einer Zeit, in der Autos in Untertürkheim noch von schwäbelnden Titanen aus einem soliden Block Eisen geschnitzt wurden. Einer Zeit, in der der Stern auf der Haube noch von hart erarbeitetem Wohlstand kündete und nicht mit einem schäbigen Ratenzahlungsvertrag erschlichen wurde

Ein weißes T-Modell also. Nach einem längeren Auslandsaufenthalt fand der White Star Liner im 28. Jahr seiner Existenz zu mir. Ich gab ihn umgehend in die Obhut von erfahrenen Oldiespezialisten, um ihm die notwendigen Updates - so sagen es ja die jungen Leute - zukommen zu lassen.

Nur einer von beiden ist mehrere Hunderttausend Euro wert. Leider.
Das Programm war umfangreich. Antriebswellen, neue Bremsen, ein neuer Anlasser und Winterreifen. Auch ein Katalysator war auf der Liste der Modifikationen, der aber durch widrige Umstände und einen schildkrötigen Händler nach der raschen telefonischen Bestellung gefühlte drei Jahre brauchte, um endlich einzutreffen. Vor Einbau des Kat jedoch keine Zulassung, denn so ein Diesel ohne Katalysator soll wohl den gesamten Schäuble'schen Haushalt sanieren helfen, so prohibitiv ist die staatliche Preisgestaltung für Fahrzeuge dieser Art. Mit Kat ist es immer noch nicht billig, aber erträglich.

Steuersparmodell.
Nun ist der Kat da und auch die Zulassung ist bereits erfolgt. Es gab unerwartetes Lob von den griesgrämigen Paragraphenwürgern auf dem Straßenverkehrsamt ("Das ist ein sehr schönes Auto!") und ein akzeptables Wunschkennzeichen. Die ersten Fahrten enthüllten kleinere Unannehmlichkeiten (nicht vorhandene Armaturenbrettbeleuchtung, wankelmütige Zentralverriegelung) und größere Fauxpas (Lenkung sehr, sehr, sehr indirekt - man fühlt sich wie Cary Grant am Steuer eines 40er-Jahre-Amis und lenkt selbst dann permanent, wenn man nur geradeaus fährt). Nun gut, das kann man ja alles in Ruhe angehen, dachte ich mir. Bis dahin bekam der Benz erstmal sein Fett weg:

Nix low fat! Genau das Gegenteil.
Quasi als Teil des Kaufvertrags hatte ich in weiser Voraussicht noch eine Hohlraumversiegelung ausgehandelt - das klebrige Wachs soll helfen, den Rostteufel ein für alle Mal zum, äh, Teufel zu jagen. So fand ich mich denn mit R., dem freundlichen Fett-Verwerter, unter der Hebebühne zum romantischen Tete-a-tete ein und gemeinsam fluteten wir die zahlreichen Kavernen des Mercedes mit dem Wunderstoff. 

Zwischendurch eine kleine Überraschung: Hinter den Innenkotflügeln hatte sich am Vorderwagen eine veritable Kiesgrube eingerichtet, jedenfalls läßt die Menge an Sand, Schlamm und Staub, die ich dort herausbaggerte, darauf schliessen. Ich rätsele immer noch, wie das Erdreich dort hingekommen ist; eigentlich ist dieser Bereich durch die erwähnten Innenkotflügel hermetisch abgeriegelt. Glücklicherweise blieb der Rest der Karosse wie erwartet ohne Befund. Gesunde Substanz also - wenn nur die Mechanik auch so tadellos da stünde!

Denn nach der Rückkehr aus der Fettecke enthüllte die hydraulische Niveauregulierung, die der Benz an der Hinterachse serienmäßig trägt, ihre sprunghafte Natur. Und das im wörtlichen Sinn: Beim Überfahren von leichten Unebenheiten beginnt das System, buchstäblich zu hüpfen - und die unglücklichen Insassen ebenfalls. Was zunächst nur bei höherem Tempo aufgefallen war - das Fahrverhalten eines Öltankers - wurde nun durch die fahrende Hüpfburg namens Mercedes zum technischen K.O. Die Ursache ist mir schleierhaft und die denkbaren Szenarien reichen vom leichten Standschaden und einem schadhaften Ventil bis hin zur Komplettsanierung des Hydrauliksystems. Letzteres dürfte meinen Geldspeicher bis in den Keller leeren. Deshalb favorisiere ich momentan die hübsche Selbsttäuschung des "Et hätt noch immer jotjejange!".

Ah, the joys of classic motoring! Da stehe ich also, kratze mich am Kopf, hole Expertenrat ein und gelange so wieder zum Anfang des Beitrags: Ignoriere nicht Deine eigenen Ratschläge. Zumindest nicht bei Autos! Zur Strafe habe ich mir nun eine grundsätzliche buddhistische Gelassenheit auferlegt, deren Kernthese darin besteht, irdischen Gütern wie zum Beispiel dem eigenen Kontostand nicht allzu viel Beachtung zu schenken. In diesem Zusammhang käme es mir sehr gelegen, wenn der Euro crasht. Dann zählen nämlich wieder Immobilien. 

Und genau das ist mein Benz im Moment.

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