Samstag, 5. November 2011

Lob der Kleinstadt

Ich wurde hier geboren, um wegzugehen. Doch nun bin ich wieder da, seit einiger Zeit sogar schon. Es ist wohl das, was man Heimat nennt - wobei ich den Begriff während meiner Abwesenheit weiter zu ziehen gelernt habe: Heimat ist nicht eine Stadt, eine Straße, ein Ort; Heimat ist eine Illusion voller Menschen, Sprache, Gerüche, Eindrücken.

Die kleine Stadt hat Charme. Sie liegt umgeben von Grün im Speckgürtel einer Möchtegernmetropole. Hier können Kinder noch aufwachsen, hier werden sie nicht irgendwie mitgeschleppt zwischen Dreifachjob und Kindertagesstätte. Die wenigsten müssen hier drei Billiglohnjobs nachgehen, um über Wasser zu bleiben. Hier wohnen anständige Menschen  mit Jobs an aufgeräumten Schreibtischen oder im eigenen Betrieb. Freistehende Eigenheime gelten hier als Erfolgsmodell, nicht als Neurosengarantie. Erfolgreiche Mittelständler prägen das konservative Bewußtsein, und das schon seit Jahrzehnten. Sie schimpfen immer auf die gerade aktuelle Regierung, äußern sich manchmal rechtsradikal, hassen Tarifverträge und das Internet, fahren aber stets den neuesten BMW oder - meistens - Audi. Aber so langsam weht auch ihnen der kalte Hauch des entfesselten globalisierten Kapitalismus ins Gesicht und viele von ihnen mußten in den letzten Jahren aufgeben. Die kleine Stadt ändert ihr Gesicht: Karstadt ist weg, andere Konsumtempel der Vergangenheit liegen brach, die Ein-Euro-Läden und Gebrauchthandy-Höker nehmen zu. Früher bekam man alles, was man brauchte, in der - natürlich - Fußgängerzone mit ihren Kunst-am-Bau-Plastiken (Support Your Local Artist!). Heute muß man für eine Glühbirne zum Baumarkt ins Industriegebiet. Es gibt drei Aldis, zwei Lidl, aber kein vernünftiges Café.


Das Kneipenleben ist überschaubar - und an allen Tresen läuft immer dieselbe Musik. Punkrock, HipHop und Techno fanden hier nie statt. Die Stadt ist Rock City - man huldigt nach wie vor schwitzenden, weißen Männern an Gitarren, lobt den Blues (und vergisst, dass er den Schwarzen geklaut wurde) oder trauert psychedelischem Hippieschrott nach. Hier gibt es Musiker, die wirklich noch einen auf Bon Scott machen, ohne Ironie, nur mit Matte, Macho-Wiegeschritt und Cowboystiefeln.


Meine Generation übernimmt langsam das Ruder. Zumindest die, die immer hier waren und so quasi durch schlichtes Aushalten in die Positionen gewachsen sind, die ihnen nun erlauben, als Bestimmer tätig zu sein. So mancher, der nun im Rat sitzt, hat vor dreißig Jahren gegen den konservativen Mief rebelliert. Und die, die nicht im Rat sitzen, haben gemütliche Posten im Jugendamt, in der Ratsverwaltung, den Stadtwerken oder bei der Polizei. Oder sie haben einen Betrieb, der gelernt hat, mit der städtischen Bürokratie klarzukommen, in der die Schulhofbuddies von früher sitzen. So ist das eben - man kennt sich, man lebt miteinander.


Meine Generation ist in der kleinen Stadt zweigeteilt: Die, die immer hier waren - und die, die zurückkamen. Die einen haben einen latenten Minderwertigkeitskomplex, die anderen leiden daran, die Welt gesehen zu haben: If I hadn't seen the richness, I could live with being poor. Die erste Gruppe ist natürlich besser vernetzt, denn in all den bleiernen Jahren in der kleinen Stadt haben sich Freund- und Seilschaften herausgeschält, die privat und beruflich nützlich sein können. Die Spätheimkehrer, die so wie ich ihre Studien-, Wander- und Flegeljahre woanders verbracht haben, kommen meistens, weil sie nun selbst Familie haben, das freistehende Eigenheim der Eltern geerbt haben oder generell des aufreibenden Großstadtlebens müde sind. Sie sind es, die im Supermarkt die biologisch einwandfreien Lebensmittel kaufen, das Programmkino in der benachbarten Möchtegernmetropole dem hiesigen Blockbuster-Abspielkino vorziehen und von einem Kulturleben jenseits von Kirmes, Karnevalsverein und Stadtmarketing träumen.


In den Kneipen läuft nicht nur immer dieselbe Musik, es sind auch immer dieselben Leute da. Im X treffen sich die Blues- und Rockfans, meist männlich, meist ohne Abitur, aber mit Blondine zuhause (die sie jedes Wochenende betrügen) - und die anderen Blondinen. Gemeinsam lauschen sie drittklassigen Coverbands oder dem Bon-Scott-Darsteller. 
Das Y dagegen gilt als Hort des Intellekts: Hier versammelt sich das Strandgut der zwei örtlichen Gymnasien, gealtert zwar, aber in der festen Gewissheit, auf der Coolness-Bühne noch ein paar Jahre durchhalten zu können. Auch die Ex-Gymnasiasten betrügen ihre Ex-Realschülerinnen-Ehefrauen jedes Wochenende mit anderen Ex-Realschülerinnen. 
Das Z ist dann die Resterampe eines jeden Wochenendes: Es ist ein Nachtclub alter Schule, ein verrufener Schuppen, ein Etablissement, von denen meine Eltern stets nur quasi mit spitzen Fingern erzählten - Absturzort für alle, die an einem Samstagabend noch keine Knutscherei ergaunern konnten oder die weit nach Mitternacht noch auf der Suche nach sexuellen Ausschweifungen sind. Hier zeigt sich die kleine Stadt in ihrer ganzen Bigotterie, hier sind sie alle versammelt als Sklaven ihrer Hormone und unterdrückten Leidenschaften: Der Baumarktmitarbeiter, der mittlere Angestellte, die Blondine und die Ex-Realschülerin.

So geht das hier, niemand findet etwas dabei, oder, wie ein Freund neulich meinte: "Hier waren sie alle schon mal miteinander im Bett und jeder kennt jeden." Er stammt auch von hier, lebt nun ganz woanders und macht mir gegenüber manchmal hämische Bemerkungen über die kleine Stadt. Meistens hat er Recht.

Ich wohne übrigens gerne hier - einer muss es ja tun.

Nachtrag: "I was born in this town. Lived here my whole life..." Big Black haben das Thema 1986 auf ganz eigene Art beschrieben - mit einer radikalen Lösung: "Kerosene".

Kommentare:

  1. Another wonderful piece of writing. My feeling is that you describe a way of life which is not unique to Germany. I think I might find myself confronted by something very similar if I returned to Scotland.

    AntwortenLöschen
  2. The joys of smalltown life are probably international, indeed - I am still not sure if I love or hate it, as you can see in my writing. Must be something in between.

    AntwortenLöschen
  3. P.S.: When I worked in Munich and volunteered for living in rural Freising instead of inhabiting a flat in trés cool Schwabing, it dawned on me that my smalltown education probably had more impact on me than I thought...

    AntwortenLöschen
  4. hämische bemerkungen macht man ja bekanntlich gerne und zu recht auch über große hippe städte und orte ... und wie gesagt, (un-)glücklich kann man überall werden!
    .... in diesem sinne gruß ausm dicken B. - irgendjemand muß ja auch hier wohnen ;-)

    AntwortenLöschen
  5. Hämisch? Unglücklich? Nein, hier handelt es sich um das Heinrich-Heine-Syndrom: Die gebrochene Liebe zur Heimatstadt. Der Beitragstitel ist durchaus nicht ironisch gemeint. Gruß ans dicke B., dem Herr Fox ja ähnlich gegenübersteht wie ich diesem Kaff hier!

    AntwortenLöschen
  6. Das Z kenn ich noch von früher im Y können wir aber die Tage noch mal 7 gerade sein lassen und mal lecker mit J. aus S. einen Trinken.
    Gruss B.

    AntwortenLöschen
  7. In etwa so?
    http://www.123video.nl/playvideos.asp?MovieID=1855
    oder (zum Lesen) das:
    http://www.stlyrics.com/lyrics/thewaterboy/smalltown.htm

    G.

    AntwortenLöschen