Donnerstag, 15. September 2011

Stahl-Werk

Ich geb's zu: Für eine historische Sekunde war ich geneigt, den Italienern ihren Regierungschef von Herzen zu gönnen. Doch dann kam alles anders.

Vor vielen Monden verliebte ich mich in ein Kunstwerk der besonderen Art: Einen Fahrradrahmen aus dem Hause Pelizzoli, einer kleinen Manufaktur in der Nähe von Bergamo. Ein Werk aus Stahl, geschaffen von den sensiblen Händen des 75jährigen Meister Pelizzoli himself. Alte Schule mit verchromten Muffen und ohne den zutiefst verachtenswerten Tand und Talmi aus der HöherSchnellerWeiter-Liga der Carbon Fetischisten und Alu-Apologeten. Meister Pelizzoli punktete zudem nicht nur durch solides Handwerk, sondern auch mit einer überaus moderaten Preisgestaltung, so dass die Order zum Bau eines persönlichen Rahmens mir äußerst leicht von der Hand ging. (Die Älteren unter den Lesern werden sich an meine begeisterten Sätze zu diesem Thema erinnern.) Meine Anforderungen waren klar und deutlich: Schwarze Lackierung (denn es gibt bekanntlich nur eine richtige Farbe, und das ist Schwarz!), voll verchromter Hinterbau, Rahmenhöhe 58 cm. Ich tätigte eine üppige Anzahlung und vorfreute mich.

Es folgten glückliche Sommermonate, die ich mit dem Sammeln von NOS-Teilen verbrachte, die dereinst mein edles Bike schmücken würden. 30 bis 60 Tage Bauzeit hatte man mir in Aussicht gestellt und ich zählte jeden einzelnen dieser Tage an meinem inneren Abreißkalender. Ich sah mich bereits im Sattel des Rennrads, dahinsausend auf meinem schwarzen Stahlroß mit seinen hochwertigen Campagnolo-Komponenten,schmierbäuchige Carbonradler und MTB-Angeber hohnlachend hinter mir lassend.

Alsbald aber zogen dunkle Wolken durch mein eigenes Sommermärchen. Die 60 Tage waren ins Land gegangen ohne dass ein freundlicher Spediteur mit einem großen Paket bei mir läutete. Eine freundliche Nachfrage per mail ergab die präzise Auskunft, der Rahmen würde in der nächsten Woche fertig gestellt. Fünf Sekunden später kam eine zweite mail schnaufend über die Alpenpässe geklettert, die mir kurz mitteilte, die gesamte Belegschaft der Firma Pellizzoli weile in den nächsten Wochen im Urlaub. Ich war konsterniert, bewunderte aber gleichzeitig die geschäftliche Nonchalance dieses Volks von Steuersündern und Verkehrsregel-Legasthenikern. Ich geduldete mich widerstrebend, während Pelizzoli&Co am Strand den jungen Dingern hinterherschaute - so meine durchaus von Vorurteilen geprägte Annahme.

Fast Forward auf Anfang September. Ich hatte lange nichts gehört von den Experten des Lötkolbens. Meine Freunde fingen bereits an, mich mitleidig zu betrachten und mit jeder ihrer hämischen Bemerkungen stilisierte ich mich mehr zum Opfer einer Bande von Strauchdieben und Tunichtguten, die meine Anzahlung längst im Casino von San Remo auf den Kopf gehauen hatte oder - noch schlimmer - von meinem Geld Champagner aus italienischen Damenschuhen soff. Ich verbrachte schlaflose Nächte, in denen mir im Wachkoma Eduard Zimmermann erschien, der vor unseriösen Geschäftemachern im Internet warnte. Der zugeschaltete Konrad Tönz in Zürich und Peter Nidetzky in Wien stimmten mit ein in einen Chor antiken Ausmaßes, dessen Refrain stets mit dem Wort "Trottel" endete. Etwas mußte geschehen.

Ich griff zum Telefonhörer und wählte die Nummer gegen Kummer, Abteilung enttäuschte Fahrradliebe. Im fernen Curno bei Bergamo läutete ein einsamer Telefonapparat, aber niemand nahm ab. Stattdessen informierte mich eine freundliche Stimme vom Band, der gesamte Laden sei von der Guardia Finanza hochgenommen worden und ich könne meine Kohle vergessen. Dachte ich zumindest, denn die Ansage war selbstredend auf italienisch - und meine nicht vorhandenen Kenntnisse dieses Idioms in Tateinheit mit Paranoia förderten eine solche Interpretation enorm.

Wie groß war meine Überraschung, als am folgenden Tag eine mail mit diesem Inhalt in meinem Postfach landete:


Pelizzoli lebte! Man sandte mir nicht nur Bilder meines Rahmens, sondern entschuldigte sich wärmstens für die unkomfortable Verzögerung, die ihren Grund in Problemen beim Verchromen gehabt habe. Wahrscheimlich war der "chrome man" (Zitat aus der mail) einfach zulange am Strand geblieben und hatte seine eigentliche Mission vergessen.

Nun bin ich wieder milde gestimmt und bereit, den Verheißungen ("The Frame is ready and will go to the chrome man next week.") zu glauben. Ganz sicher wird jetzt alles gut. Dann fehlt nur noch der Lack.



Hoffentlich ist der Lackierer nicht schon im Weihnachtsurlaub.

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