Montag, 8. August 2011

Fahrrad mit Abwehrkette

Die gefährlichste Waffe des Kalten Krieges


Geldwäsche, Autobahnvignette, korrupte arabische Potentaten im Exil - die Schweiz hat trotz Spielzeugeisenbahnlandschaft, Heidi und Toblerone ein Imageproblem. Und ihre eidgenössischen Einwohner gelten als etwas behäbig und gemütlich. Wenn es aber um ihr Land geht, können die Schweizer ganz schön erfinderisch sein. Soviel zum Image.

Die Tourismusbehörde hört es nicht gerne, aber die Schweiz ist voll mit Bergen, die dank unterirdischer Bunkerarchitektur komplett ausgehöhlt sind, als Bauernhöfen getarnten Artilleriestellungen und  Männerkleiderschränken mit Gewehrhalterung. Das wehrhafte Volk der Eidgenossen erfand nicht nur das Raclette, sondern auch ein Trumm von einem Fahrrad, das im Falle eines Krieges der gesamten Roten Armee Kopfzerbrechen bereitet hätte: Das Militär-Velo 05.

 Das 23 Kilogramm schwere Fahrrad kam bei der Radfahrertruppe der Schweizer Armee zum Einsatz (allein diese Truppengattung ist im Zeitalter von lasergesteuerten, unbemannten Kampfdrohnen so herrlich anachronistisch wie ein Plattenspieler im Mediamarkt) und wurde von 1905 bis 1989 nahezu unverändert gebaut. In Einheitsgröße von 57 cm Rahmenhöhe war es das Appenzell-Innerrhoden unter den Fahrrädern - robust, bodenständig und atomkriegsresistent.

Ab 1993 gab es ein Update mit dem Namen - richtig! - Modell 93. Das sah schon fast nach 21. Jahrhundert aus, kam aber mit einer Bauzeit von nur drei Jahren nicht an den Großvater aller Militärräder heran. So ist das eben in der Schweiz: Modische Neuerungen werden hier geprüft, begutachtet und - manchmal für zu leicht befunden.

Deshalb dürfen Frauen in Appenzell-Innerrhoden auch erst seit 1990 wählen.

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