Montag, 4. Juli 2011

Road To Nowhere, Teil 2


Tag 2: Der Westen leuchtet



Wie einst die sieg- und ruhmreiche Rote Armee nähere ich mich der Reichshauptstadt von Osten über den Autobahnring. Wandlitz, Pankow, Prenzlberg. Der Ostteil begrüßt den Reisenden immer noch mit Plattenbaukaskaden als Ausweis sozialistischer Bau-Potenz. Kenner der Materie versichern mir, der Berlin-Mitte-Hype sei vorbei und nur noch etwas für schwäbische Flüchtlinge. Und die sind hier genauso verhasst wie die australischen Backpacker auf ihrem Ballermann-Berlin-Trip. Ich bin froh: Mein Nachtlager liegt im Westen, mondän um die Ecke vom Kudamm.



Ich werde nicht enttäuscht: Das Hotel ist im besten 80er-Jahre-Harald-Juhnke-Frontstadt-Plüsch gestaltet und verwöhnt den solventen Gast mit einer 24h-Bar, Plattencovern an den Wänden, kostenlosem Parkplatz und ebensolchem WLAN auf den Zimmern. Im Osten wollten sie mir für eine Viertelstunde Netzzugang 5 Euronen abknöpfen, aber dort regiert ja bekanntlich auch die Angst vor dem Weltmännischen im www. Die chinesische Lösung.

Kreuzberg, erste Station. In der U-Bahn: Ein russischer Gitarrist, der absolut nicht singen kann und alle Passagiere gnadenlos vergrätzt. Er wird abgelöst von einer religiösen Fanatikerin der Vereinigung "Juden für Jesus" (so verkündet es ihr T-Shirt), die diesen Zug der Verdammnis kurz vor der Endstation Hölle noch auf den rechten Weg bringen will. Kurz darauf: Die ortsüblichen Obdachlosen mit bettelndem Singsang. Auf der Oranienstraße höre ich hinter mir plötzlich "Verpiss Dich, Du dreckiges Rassistenschwein! Ich hau Dir eine rein, grmmblf!" und sehe eine junge Frau, die nur knapp drei Meter hinter mir geht. Sie meint das nicht persönlich, sie redet nur mit sich selbst. Berlin ist ein Magnet für die Travis Bickle-Epigonen des 21.Jahrhunderts und das gilt wahrscheinlich auch für die Insassen von Reichstag und Kanzleramt. 

Ein Döner muss her, der Hunger meldet sich vehement. Döner bestehen aus gegrillten Touristen und gehören zum Berlinbesuch wie der Autonome zum 1.Mai. Der freundliche Türke fragt mich, ob ich das Gericht scharf geniessen möchte und ich bejahe. Beim Essen bin ich enttäuscht, unter "scharf" verstehe ich etwas anderes. Da, wo ich herkomme, bedeutet "scharf", dass man den Laden mit stark gerötetem Antlitz und unter heftigem Transpirieren verlässt. Berlin ist auch nicht mehr das, was es mal war.

Wahrscheinlich hat er mir die Weichei-Variante zubereitet, weil die letzte Körperverletzungs-Sammelklage US-amerikanischer Touristen noch nicht ausgestanden ist.

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