Mittwoch, 22. Juni 2011

600 Jahre Buchdruck waren eine schöne Zeit



 ...doch die ist jetzt vorbei.
Heute haben die deutschen Zeitungsverleger Klage eingereicht gegen eine App von tagesschau.de, weil sie diese als unlautere Konkurrenz zu ihren eigenen Produkten empfinden. Sie sehen ihr Geschäftsmodell dadurch bedroht, dass ich mir als User News aus anderen Quellen als der sogenannten Qualitätspresse besorgen kann. Wir halten fest: Eine dem freien Markt verpflichtete Sparte der Medien klagt gegen eine andere Sparte, weil diese die technologischen Möglichkeiten der Jetztzeit nutzt. Apologeten der freien Marktwirtschaft werden zu Regulierungskommunisten, sobald ihre Pfründe bedroht sind.

Das ist natürlich absurd.  Schließlich gibt es Newsinhalte jenseits von Zeitungen schon, seit es Radio, Fernsehen und Internet gibt. Die Verleger haben aus guten Gründen nicht mit juristischen Mitteln die Einführung von Radio- und Fernsehprogrammen verhindert - beim Start des privaten Hörfunks und Fernsehens waren sie sogar die treibende Kraft. Die Ergebnisse waren unterschiedlich: Im TV sind sie mit Pauken und Trompeten gescheitert (weil sie das Medium nie richtig verstanden), beim Radio jedoch haben sie das Land flächendeckend mit qualitätsarmem dauergutgelauntem Dudelfunkterror überziehen können. Wie das Fernsehen bleibt ihnen das Internet heute fremd, aber generell haben neue Technologien die bornierten Herren aus der Print-Wagenburg noch nie gestört, auch wenn ihre Auflagenzahlen seit ca. 15 Jahren permanent im Sinkflug sind. Geld wurde trotzdem noch verdient, notfalls eben, indem man das "Qualität" in Qualitätsjournalismus kleiner schrieb (oder gleich ganz über Bord warf), Redaktionen verkleinerte, freie Mitarbeiter mit lächerlichen Honoraren kleinhielt und ansonsten darauf vertraute, die regulierende Politik sowieso im Sack zu haben.

Letzteres ist das entscheidende Moment in der Grundhaltung der Printfürsten. Aus ihr spricht die Arroganz desjenigen, der glaubt, bis in alle Ewigkeit die Spielregeln bestimmen zu dürfen. Wer einmal erlebt hat, wie ein Landesmediengesetz nach dem Gusto des Print-Ancien Regime gestrickt wird, den wundert eine solche Haltung nicht. Das Blöde ist nur: Im Internet und bei allen verwandten Technologien wie den Apps funktioniert das nicht mehr, denn selbst wenn die Politik über die öffentlich-rechtlichen Gremien einen gewissen Zugriff auf das gebührenfinanzierte tagesschau.de hat (an sich ein Skandal, Stichwort Staatsferne!), so gibt es theoretisch unendlich viele Betreiber von ähnlichen Apps, die sich diesem Zugriff entziehen können, weil sie privat finanziert sind oder im Ausland sitzen.

Vielleicht gewinnen die Gralshüter der glorreichen Printvergangenheit sogar ihre juristische Schlacht gegen tagesschau.de, den Krieg aber können sie nicht siegreich beenden. 600 Jahre Buchdruck als Geschäftsmodell ist ein Auslaufprodukt. Da nutzen auch beste Kontakte in die Staatskanzleien nicht viel.


Nachtrag: Wie ich gerade feststelle, beschäftigt sich auch der Don mit dem Thema.

Kommentare:

  1. ...schreiben kannste, dass es eine Freude ist!

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  2. Merci! Dafür machst Du schöne Fotos - und so ist dann alles gerecht verteilt auf Gottes grüner Erde ;-)

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