Montag, 10. Januar 2011

Der dunkle Grenzbezirk


Meine Straße ist nicht besonders angesehen in der kleinen, sauberen Gemeinde. Die Stadt an sich ist ein Paradies für reinliche Pensionäre, erfolgreiche Mittelständler und Traumpaare mit zwei reizenden Kindern, aber nicht für diejenigen, die irgendwie in meiner Nachbarschaft gestrandet sind. Hier wohnen die zornigen Jungen, die komischen Freaks, die verschrobenen Alten, die hängengebliebenen Ex-Gastarbeiter und die Scripted-Reality-Darsteller aus RTL2. Der Fernseher läuft den ganzen Tag, das Bier meist auch. 

Früher, in den Achtzigern, war das hier die Alternativ-Hochburg mit Punkrock und Hausbesetzung. Bürgerkinder simulierten die Revolution und die CDU-nahe Lokalpresse schäumte wunschgemäß über. Jetzt regiert in der Straße nicht Hass, nur Hartz IV.

Die jungen Nazis aus dem vierten Stock ein paar Häuser weiter (natürlich Reichskriegsflagge im Fenster) werfen gerne Böller auf die Straße. Richtige Böller, unterhalb des Kanonenschlags läuft da nix. Sie werfen ungezielt und einfach so, es ist ihr ganz besonderer, kranker Humor. Sie lachen, wenn die beiden Mädchen, die unten Gummitwist spielen, angstvoll davonlaufen.

Der kleine Italiener von gegenüber ist von seiner Frau verlassen worden. Er hat kein Auto, keine Arbeit und jetzt auch keine Familie mehr, denn die Tochter und der behinderte Sohn gingen mit der Mutter.

Der dicke Alte aus Nummer 23 keucht an seinem Rollator die Straße hinab und hinauf. Er beginnt damit morgens um Acht, und um Zehn hat er die kurze Strecke zum Büdchen und zurück dann beendet. Er kennt hier alle und weiß alles über sie. Sein  Organ ist laut und dröhnend und am Wochenende holt es mich manchmal aus dem Bett.

Der Albaner aus dem Nachbarhaus regt sich im Garten wieder über seinen Vermieter auf, der nichts am maroden Haus saniert, seinen nörgelnden Mietern aber gerne Prügel androht. Die Häuser hier wären theoretisch die Zierde einer jeden Großstadt, große Altbauten mit einer Menge "Potential" - für die Makler, natürlich. Sie hätten ratzfatzhastenichtgesehen ein hippes Angeberviertel aus dieser Straße gemacht. Doch hier passiert - nichts.

Der achtzehnjährige Junior-Proll hat den Amischlitten vom Sommer einmotten müssen. So ein 5,7 Liter-Hubraum-Monster verträgt sich nicht mit dem Lehrlingsgehalt. Der Wagen hatte eine zerbeulte Motorhaube, wie die Oberfläche eines Golfballs, und eine riesige Frittentheke auf dem Kofferraumdeckel. Der Spoiler sah aus wie eine selbst lackierte Laubsägearbeit. Nun hat Mr. 100.000 PS einen Rentner-Hyundai als Winterkarre, bei dem er ultracooles Tagfahrlicht aus dem Baumarkt montiert hat, damit er aussieht wie ein böser Audi. Und für den richtigen Sound sorgt der kaputte Auspuff, der immer dann, wenn er den Verkehrsberuhigungsbuckel vor meinem Fenster passiert, röhrt und keucht wie ein Ami-V8 unter Elektroschocks.

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